Vielleicht sind Träume nichts als eine andere Lesart der Welt, vielleicht müßte man seine Träume bloß aufschreiben und man wäre ein Dichter, doch es bedarf schon großer Kunst, um so zu träumen und zu schreiben wie Michael Hamburger. Aber auch ihm, dem 1924 in Berlin Geborenen und 1933 nach England Emigrierten, werden "Traumgedichte" selten zuteil. Zwischen 1961 und 1996 entstanden nicht mehr als 34 davon; die vorliegende Ausgabe umfaßt sie komplett und bietet somit drei Gedichte mehr als die entsprechende Abteilung der "Collected Poems" (London 1995). In deren Vorwort heißt es, die Traumgedichte verlangten nach einer Lektüre anderer Art. Welche Lesart trennt Traum von Poesie im Sinn Hamburgers? Seine eigene Dichtung des Wachzustandes unterscheidet sich vom Großteil europäischer Lyrik ja bereits dadurch, daß sie sich poetischer Sprachfiguren strikt enthält und als Beschreibung allein durch Korrektheit des Ausdrucks paradoxe Wirklichkeit erzeugt.
Vergleicht man die Traumgedichte mit Dinggedichten Hamburgers, der Bäume wie die Eibe und Fischarten wie die Schmerle zum Thema erhoben hat, so zeigt sich, daß auch die Traumgedichte Beschreibungen von dinghaften Vorgängen sind: arm an Vergleichen, Metaphern, Deutungen. Die geforderte andere Weise des Lesens besteht also in der Bereitschaft, die Perspektiven der Dinge ein wenig über das sichtbar Mögliche hinaus zu verlängern, um Erkenntnis aus dem Traum ziehen zu können. Im Gedicht "Hereingeschneit / Dropped in" kehrt ein Mann heim, ". . . sah Licht, hörte Stimmen Tiefe, ungewohnt tief, / Falls die eine darunter/ Mein Freund Irving war, / Wie ich dachte, die andere/ Seine neueste Freundin". So unheimlich leicht wird ein Besuch eingeführt, der eine Frauenleiche mitgebracht hat: "Rasch ruf die Polizei. / Je länger du wartest / desto weniger wird man dir glauben. / Je länger wir stritten / Desto mehr wär sie da, / Desto mehr wär sie mein . . . / Behüte, sagte er, im Gehen. / Dich selbst - und sie, sagte das Mädchen. / Eines Tages verstehst du."
Ähnlich suggestiv deutungslos verlaufen viele dieser Gedichte: "Traumhäuser", eine "Straße", "Mauern", eine "Zerbrochene Reise". Es sind kleine Existenzgedichte, die man wie auf einer leicht ansteigenden Rampe über das Wirkliche hinaus durchläuft und an deren Ende einen unversehens die Höhe packt. "Endlos" lautet der Titel des folgenden Vorgangs: "Es begann als Queckenwurzel / Zäh und weiß, / Die wucherte, ohne Ende, . . . / zurückverfolgt und gezogen / wurde ein Brombeertrieb daraus / Der sich schob durch Laub von Busch, Baum / Mit einer Wurzel als Spitze . . . / Ich zog daran, zog / Meilen des Zeugs gaben nach / . . . Ich zog bis / Ich sah, daß jetzt / Sie senkrecht hinaufstieg / Mit Enden im All / Mit Wurzeln im Himmel." Ein Unkraut wie von Christine Lavant, nur daß die Träume bei Hamburger nicht im Religiösen, sondern in der Geschichte wurzeln.
Das Gedicht "An meiner Statt / Vicarious" führt geradewegs aus einem Garten zu Gewehrkolbenhieben. Eingespiegelt wird die Geschichte aber ins Privatissimum des Traumes, der auch zwei wunderbaren Liebesgedichten Raum gibt: "Genesung / Recovery" möchte man gerne ohne Schatten lesen, und in "Von Wasser heimgesucht / Trial by Water" übernimmt ein Paar den Kampf gegen ein feuchtes Haus: "Mit den Tau-Lippen Jungverliebter / Proklamierten wir es, ohne Scham".
Die Übersetzung von Peter Waterhouse ist gut, aber nicht perfekt. Immer wieder stolpert man über Verstöße gegen Hamburgers Poetik des Unverdrehten. Die "Tau-Lippen" sind ursprünglich bloß "moist lips", "the weather sickened" heißt "das Wetter erkrankte" und nicht "das Wetter gebrach", "always" heißt "immer" und nicht "allewege", auch wenn es im Gedicht "Die Straße" steht. Hamburgers Sprache schließt genau solche halben Tricks aus. Auch ein Satz wie "Mir neu, voll Schein, war das Tablett einig" ist ohne das Original unverständlich, in welchem ein altes Erbstück dadurch den Besitzer wechselt, daß es einem Blick erglänzt und zustimmt: "New to me, shining, the tray consented." Syntax klärte manches Rätsel.
Ein echtes Problem bietet hingegen das "Im Nu", es bedeutet zugleich "zu keiner Zeit". Harald Hartung hat in einer Einzelübersetzung den Titel mit "Im Nur" wiedergegeben, arbeitete im Text aber mit Doppelungen ("im Nur, in keiner Zeit") oder entschied sich für den jeweils aktuellen Hauptsinn. Waterhouse versucht mutig, an allen Stellen gleich zu übersetzen, tut aber mit "Aus der Zeit" keinen guten Griff, denn ein Satz wie "Aus aller Zeit fand das Fest statt" stimmt nun nie. Der insgesamt gelungene zweisprachige Band ermöglicht aber jedem Leser die Mitarbeit an solchen Stellen und weist den Weg zur Gesamtausgabe der Gedichte. Michael Hamburger, der Übersetzer Hölderlins, Celans und anderer Lyriker ins Englische, der sich scheut, seine eigenen Gedichte rückzuübertragen, ist seiner Heimkunft als Dichter eine wichtige Strecke weit näher gekommen.
Michael Hamburger: "Traumgedichte". Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen übertragen von Peter Waterhouse. Folio Verlag, Wien und Bozen 1996. 61 S., br., 22,-DM.