25.10.1999 · Wunderbar und Wundern fern: Ludwig Harigs Erzählungen
Dem jungen Ludwig Harig gaben Max Bense und Raymond Queneau das Geleit durch die ersten Schriftstellerjahre und entließen ihn mit dem Proviant ihrer Sprachspiel-Theorien. Eine eiserne Ration hat sich Harig immer bewahrt, im Übrigen aber kostete er von der Droge Phantasie. Im Buch "Trierer Spaziergänge" (1983) hält er seinen ersten großen Rausch fest. Im Wachtraum überblenden Szenen aus der römischen Geschichte Triers die Bilder der Gegenwart. Und eine kleine versteckte Hommage an Jacques Roubaud und Georges Perec, an die virtuose Verquickung von erzählerischer Phantasie und Kunstreflexion, ist seine Erzählung "Die Hortensien der Frau von Roselius" (1992).
1997 erschien das Buch "Spaziergänge mit Flaubert". Schon im Erzählungsband "Der Uhrwerker von Glarus" (1993) hatte sich Harig auf die Spur eines deutschen Dichters gesetzt, in "Hölderlins Andenken". Drei Perspektiven kreuzen sich: die des Dichters, der auf seine Bordeaux-Episode von 1801/02 zurückblickt, die eines Erzählers, der Hölderlin nach Bordeaux folgte, und die des Autors Harig, der sich zu Nachforschungen an die ehemaligen Aufenthaltsorte Hölderlins begibt. Literaturarchäologie betreibt Harig auch in der Erzählung "Ein Büschel ,Immergrün'" im neuen Erzählungsband "Pelés Knie". Diesmal führt die Erkundungsreise in das Kinderland Jean Pauls im Fichtelgebirge. Kein Wunder, denn vieles teilt der "Luftschiffer", als den Harig sich selbst bezeichnet, mit dem Autor der Erzählung "Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch": Eigenschaften wie Humor, schweifende Phantasie, Wort- und Metaphernverliebtheit. Was Harig über Jean Paul sagt, gilt für ihn selbst: Der Dichter "nebelt" den Leser ein mit "blauem Dunst".
Eine kleine ironische Pointe hat die Erzählung. Der aus dem Schuldienst entlaufene Schriftsteller Harig besucht die Landschaft von Jean Pauls "vergnügtem Schulmeisterlein Maria Wuz". Eine große Ernüchterung allerdings hält die Reise in Jean Pauls Kinderland bereit. Das Schlösschen von Zedtwitz, zu dem der Junge mit seinem Vater wanderte, weil hier dem Schlossfräulein Unterricht auf dem Clavicord zu geben war, beherbergt nun ein Hotel und ein Restaurant der gehobenen Klasse. Im benachbarten Joditz biedern sich das Wirtshaus als "Jean-Paul-Stube" und die Speisekarte mit Rösti und Brokkoli zu Steaks à la Jean Paul an.
Mehrfach schon haben Harig jene osmotischen Vorgänge gefesselt, mit denen Wirklichkeit in die Kunst und Kunst in Wirklichkeit einsickert. Dass Maler mit einem mehr oder weniger versteckten Selbstbildnis einen Fingerabdruck im Gemälde hinterlassen, ist nichts Ungewöhnliches. Aber in Harigs Erzählung "Wie Hieronymus Bosch den inneren Schweinehund besiegte" nutzt der "Maler der verdrängten Begierden" seine Kunst zur Selbsttherapie. Der dem Trunk Ergebene widersetzt sich der Verführung durch die Verbannung des Lockmittels ins Gemälde. Und die Erzählung lässt das Wunder geschehen: Die auf einer Stellage abgesetzte, ins Bild "Die Versuchung des heiligen Antonius" hineingemalte Weinkanne ist tatsächlich aus der Werkstatt verschwunden.
Wundergläubigkeit wird zum Thema in der Erzählung "Benedikts Schwester". Eine von tödlicher Krankheit Befallene sucht vergeblich Heilung in Lourdes; auf der Rückreise beginnt mit den Blutstürzen das qualvolle Sterben. Harig verwebt höchst artifiziell den Bericht Benedikts, der seine Schwester begleitete, mit den Sequenzen eines Fernsehfilms über Lourdes, den er und seine Freunde sich anschauen. Ein Höhepunkt der Erzählung, ja des Buches ist die Schilderung der letzten Wallfahrtsstation, des Zugs von Verwachsenen und Gelähmten, von Epileptikern und Schwindsüchtigen, von Rollstühlen und Bahren zur Wunderquelle. Und folgerichtig entwickelt sich das Streitgespräch zunächst über die Glaubensvoraussetzungen solcher Wundersehnsucht. Aufgesetzt aber, weil vom Handlungsverlauf nicht mehr getragen, wirkt der - wenn auch kritische - Ausgriff der Debatte auf eine allgemeine Blutmetaphysik.
Charles Darwins Lehre vom Kampf ums Dasein und der natürlichen Zuchtwahl geistert durch die Erzählung "Die Ebene von Bilen". Roland, als Studienfreund in Lyon aus Harigs Biographie und als verhinderter Mädchenhändler von Djibuti schon aus der Erzählung "Mein lieber Roland" bekannt, lädt seine Freunde zu einer fiktiven Reise in eine abessinische Landschaft ein, in ein Gebiet, in dem besonders augenfällig das Gesetz des Fressens und Gefressenwerdens herrscht. Diese ernst-ironische Erzählung liest sich wie die Parodie des Zitats "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral". Sie geht mit den Lehrbüchern der Zoologie von Brehm und Schmeil, mit ihrer "pharisäischen Moral" ins Gericht und lobt die Hyäne und den Geier als die "ehrenwerten Angestellten eines Beerdigungsinstituts". In keiner Geschichte des Bandes erzählt Harig mit so viel lustigem Augenzwinkern wie in dieser.
Davon hätte man sich mehr gewünscht in der Titelgeschichte "Pelés Knie", einer biographischen Erzählung. Dem Fußball hatte Harig seine Reverenz schon im Hörspiel und im Buch "Das Fußballspiel" (1966/67) erwiesen. Hier nun porträtiert er den berühmtesten brasilianischen Fußballer, Pelé, seinen Aufstieg aus dem Staub und dem Schmutz der Straßen, auf denen der Junge dribbeln lernte. Es ist aber nicht das Realmärchen vom sozialen Aufstieg, das Harig hier interessiert, sondern etwas, worin er offenbar die Gemeinsamkeit des Wort- und Ballkünstlers sieht: die Artistik, die Magie des Spiels.
Ganz aus der Welt des Spiels hinaus, nämlich in den Albtraum der globalen Katastrophe, führt die Schlusserzählung "Die Angst der Materie". Harig entfaltet das Thema der Kernspaltung und des Atombombenbaus aus den Gesprächen und den Haltungen Albert Einsteins und des ungarisch-amerikanischen Physikers Leo Szilard, zweier Wissenschaftler also, die nicht zu den Antreibern gehörten, als es zum Schwur kam. Den entscheidenden, den zynischen Satz lässt der Erzähler den Atomphysiker Robert Oppenheimer sagen: "Erst kommt die Bombe, dann kommt die Moral!" - So rückt die Schlusserzählung in einen gespenstischen Zusammenhang mit der ironischen Illustration der darwinschen Lehre.
Jedes literarische Werk steht in einem Netz von Korrespondenzen. Einmal mehr sind Harigs Prosastücke dort am gelungensten, wo der Erzähler nicht nur für Anstöße aus der Erfahrungswelt, sondern zugleich für literatureigene Signale empfangsbereit ist.
WALTER HINCK.
Ludwig Harig: "Pelés Knie". Sechs Verführungen. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1999. 125 S., geb., 26,- DM.