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Rezension: Belletristik : Miss Jahrhundert

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Vladimir Vertlibs Rejsele erzählt · Von Alexander Kissler

          Vielleicht sind Kriege die häßlichen Folgen guter Witze. Im Juli 1914 dringt die Kunde vom bevorstehenden Waffengang bis nach Witschi. Die sechsjährige Rejsele hört, was alle Bewohner des weißrussischen Dorfes hören: Der Kaiser habe den Zaren beleidigt. Rejsele stellt sich eine clowneske Szenerie vor. Wilhelm II., "der aussieht wie unser Bürgermeister", steht Nikolaus II. gegenüber und schimpft ihn einen Säufer, einen Tunichtgut und Vielfraß. Der Zar ist außer sich. Er droht mit Vergeltung und schickt augenblicklich Mojsche Masur den Einberufungsbefehl. Mojsche aber ist Rejseles Bruder.

          Der Versuch der Familie Masur, Rußland in Richtung Kanada zu verlassen und so Mojsche vor dem Krieg zu bewahren, geht schief. Statt ins österreichische Galizien schleust ein Menschenschmuggler, der Befreier genannt werden will, die Familie in einen kargen Winkel des ungeliebten Zarenreichs. Die Fahnenflucht endet, wo sie begann. Der Bruder meldet sich bei der Roten Armee und wird sogar Major, ehe er 1941 dem Terror Stalins zum Opfer fällt und als vermeintlicher Spion hingerichtet wird. Deutsche Truppen ermorden 1944 Rejseles Eltern und streuen die Asche in den Fluß bei Witschi. Rejsele, die längst Rosa heißt, steht ein Jahr später vor den Ruinen des Hauses, das sie einst verlassen wollten. Sie blickt in den Fluß und denkt: "Nun bist du also doch noch aus unserem elenden Nest herausgekommen, Mutter."

          Für ein Mädchen von sechs Jahren war die fehlgeschlagene Flucht ein Abenteuer und der Erste Weltkrieg eine Rangelei alter Männer. Solange der deutsche Kaiser die pompöse Kopie eines russischen Bürgermeisters sein durfte, solange die Wirklichkeit aus vertrauten Bildern zusammengesetzt und stets neu erfunden wurde, blieb Rosas Kindheit unverschattet. Der Vater, erst Gleisarbeiter, Fleischer, Händler, dann Förster und Sekretär des Dorfsowjets, schnitzte Holzfiguren und schwieg; sein Sohn rechnet ihn zu den Luftmenschen, den Ärmsten der Armen. Die Mutter, "Krejna, die Meschuggene", zeterte und kämpfte um ein besseres Leben. Rosas Kindheit war jene "Zeit, als die Bäume noch bis in den Himmel ragten und die Menschen keine Gesichter hatten und das Knarren der Türen Unheil verkündete".

          Der schlichte und doch meisterliche Satz, der Rosas erste Lebensjahre bündelt, vereint auf engstem Raum das Unvereinbare, aus dem menschliches Dasein gemischt ist. Angst und Glück wechseln augenblicksweise einander ab, ohne sich zu berühren. Glück bedeutet die Lust, eine Wahrheit erfinden zu dürfen, die Angst meint den Zwang, eine Wirklichkeit finden zu müssen. Wer wie Rosa mit der Gabe gesegnet ist, auch als reife Frau die eigene Geschichte wie einen trickreich herbeifabulierten Roman zu gestalten, etwa der neugierigen Nachbarin zu erklären, keineswegs Jüdin, sondern eine mit Mordwinen und Tschuwaschen verwandte Udmurtin zu sein, wer wie Rosa seine Lebensfreude sich vom Leben nicht beschädigen läßt, der trotzt den täglichen Zumutungen und bleibt vielleicht wie Rosa 92 Jahre lang gesund. Weder die kurze Kindheit im zaristischen Rußland, als das Knarren der Türen einen Übergriff auf die Juden von Witschi ankündigen konnte, noch die lange Zeit unter deutscher, polnischer, schließlich sowjetischer Herrschaft bescherte Rosa ein friedvolles Leben. Das einzige, worauf sie sich verlassen konnte, war der Antisemitismus ihrer Mitbürger. Den breiten Steg zwischen erfundener Wahrheit und wiedergefundener Wirklichkeit beschreitet Rosa Masur zum Wohle der süddeutschen Stadt Gigricht. Weil in des Enkels und jetzt auch Rosas neuer Heimat die 750-Jahr-Feier politisch korrekt begangen werden soll, gibt der Magistrat ein Buch heraus mit den Lebensläufen frisch zugezogener Bürger. Neben afrikanischen, türkischen, chinesischen Viten soll Rosa als "unsere Miss Jahrhundert" die deutsch-russische Freundschaft repräsentieren. Fünfzig Mark erhält sie für jedes Gespräch. Der Bürgermeister ist begeistert. Nicht die Farbe des Tuches, mit dem ein estnischer Arzt den Sohn behandelte, nicht das Ohrenschmalz am Holzstiel des Federhalters, den der stellvertretende Minister für Höhere Bildung benutzte, nicht die massige Statur des Vorsitzenden der Schweinezuchtkolchose sind diesem "besonderen Gedächtnis" fremd geworden.

          Den Vergleich mit Joseph Roth oder Isaak Singer und deren lebensprallen, von Schuldgefühlen und Überschwang gleichermaßen gequälten Figuren braucht Vladimir Vertlib nicht zu scheuen. Sein zweiter Roman hat wie schon der Vorgänger "Zwischenstationen" die eigene Familiengeschichte zum Thema. Das durchweg spannend zu lesende Werk ist darüber hinaus ein klug konzipiertes, phantasievoll ausgeführtes Destillat europäischer Geschichte im Zeitalter ihrer größten Verwerfungen. Vladimir Vertlib, geboren 1966 in Leningrad, emigriert nach Israel, seit 1981 in Österreich lebend, hat sich dem Literaturgedächtnis eingeschrieben.

          Vladimir Vertlib: "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur". Roman. Verlag Franz Deuticke, Wien 2001. 431 S., geb., 45,- DM.

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