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Rezension: Belletristik : Meine Schuld

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Zu Benjamin Leberts Debütroman "Crazy"

          Ich hätte es nicht tun sollen. Ich hätte mich, als ich vor zwei Jahren in einer Zeitschrift Auszüge aus seinem Tagebuch las, einfach nur still an seiner Begabung freuen sollen, an seiner dunklen, komischen, altklugen Art, mit der er von seinem seltsamen Teenagerleben erzählte. Ich hätte ihm unbedingt Zeit lassen sollen. Aber nein, ich mußte natürlich den großen Entdecker spielen und alle in meinem Verlag damit verrückt machen, daß es da ein echtes Wunderkind gibt, einen sechzehnjährigen Jung-Salinger, der garantiert längst von der Literatur träumt, so daß man ihn nur noch, bevor andere auf die Idee kommen, ganz schnell um einen Roman anhauen müßte.

          Und genau das haben sie dann auch getan, und er hat diesen Roman auch geschrieben, und das tut mir nun wirklich sehr leid.

          Natürlich ist Benjamin Lebert ein Wunderkind, daran hat sich nichts geändert. Natürlich kann er Dinge, von denen die meisten seiner erwachsenen Schriftstellerkollegen noch nicht einmal träumen, von denen sie gar nicht wissen, daß sie unter den Tasten und hinter den Bildschirmen ihrer Computer verborgen sind. Dieser verdammte kleine Supermann kann zum Beispiel die Schwärze eines nächtlichen Himmels so verzweifelt schön und traurig beschreiben, daß man denkt, es hätte noch nie ein anderer vor ihm getan, er weiß, daß Worte nicht immer nur dafür da sind, daß man sie hinschreibt, daß also eine gut gesetzte Pause, eine wie beiläufig entstandene Lücke eine ergreifende Szene überhaupt erst ergreifend macht, und daß er andererseits neben Henry Miller wohl der einzige Autor ist, bei dem so laute, grelle Worte wie "Fotze" oder "ficken" romantisch klingen, sagt ohnehin alles über sein fast unerreichbares poetisches Talent.

          Und trotzdem. Und trotzdem hätte sein Roman "Crazy" niemals gedruckt werden dürfen, und bevor ich erkläre, wieso, sollte ich sagen, worum es darin eigentlich geht. Es ist zunächst einmal die Passionsgeschichte eines sehr aufgeregten, sehr niedergeschlagenen Sechzehnjährigen, dessen gerade erst beginnendes Leben bereits ein einziger Trümmerhaufen ist. Da wäre zum einen diese blöde halbseitige Lähmung, die er von Geburt an hat; er kann seinen linken Arm und sein linkes Bein kaum bewegen, sie sind fast taub und dafür aber um so empfindlicher für jede Art von Schmerz, was ja nun auch nicht wirklich ein Trost ist für ihn. Da wären seine scheißmodernen Eltern, die ihn wie verrückt lieben und trotzdem immer nur unglücklich machen, weil sie jedes Gefühl und jede Leidenschaft, die sie haben, egoistisch in ihr "Cosmopolitan"-Ehedrama investieren, so daß für ihn nur Kälte und Schweigen übrig bleiben sowie die Abschiebehaft für lästige Jugendliche, Internat genannt.

          Und schließlich wäre da seine kaputte, verzweifelte, alles bestimmende Sehnsucht nach dem ersten Mal, nach nassen Mädchenmündern, nach weichen Brüsten und warmen Ärschen, eine Sehnsucht, die nichts mit der üblichen Geilheit pubertierender Dauerständer zu tun hat, sondern fast schon quasi-religiös daherkommt: Dieser traurige Junge erhofft sich vom Sex nämlich mehr als Sex, er denkt, wer in einer Frau kommt, kommt auch in den Himmel - oder zumindest hat er hinterher keine irdischen Sorgen mehr.

          Ist das der Stoff für einen perfekten Wunderkind-Roman? Leider nicht ganz. Denn auch ein Wunderkind kann immer nur von seinem eigenen Leben erzähten, und weil dieses eigene Leben noch so jung, so frisch, so rätselhaft ist, kann das Wunderkind, bei all seiner schriftstellerischen Virtuosität, nichts anderes tun, als an diesem Leben viel zu nah dran zu bleiben, so nah eben wie ein Teenager, der faszisniert, erstaunt und erschrocken immer wieder ganz dicht an den Badezimmerspiegel heranrückt, um sich am Anblick seiner wild wuchernden Akne zu weiden.

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