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Rezension: Belletristik : Mein Talent hängt in Fetzen

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Den Holocaust überleben müssen: Erzählungen von Grete Weil

          "Unsere Vergangenheit", sagte Grete Weil in einem Interview, "ist keine, mit der sich leben läßt." Wie viele Juden, die den Holocaust überstanden, litt sie an der Schuld des Überlebens. Das Buch, mit dem sie spät bekannt wurde - "Meine Schwester Antigone", erschienen 1980 -, sollte darauf verweisen: Sie war nicht Antigone, sie hatte keinen Widerstand geleistet. Ihr Denken kreiste um den Begriff der Zeugenschaft. "Vielleicht bin ich deshalb am Leben geblieben", sagte sie, "weil meine Zeugenschaft nicht ausreichte." Indes, was sie als subjektiven Mangel empfand, machte sie für ihre Leser zur umso glaubwürdigeren Zeugin. Jedes ihrer Bücher, die alle Bruchstücke einer Autobiografie sind, zeigte, was ihr angetan worden war. Sie schrieb, nicht um die Vergangenheit - Judenhass, Judenverfolgung, Judenvernichtung - begreifbar zu machen, sondern um zu zeigen, dass sie niemals begreifbar sein wird.

          Grete Weil, die 1906 als Tochter einer kultivierten, wohlhabenden Familie in Bayern geboren wurde, starb letztes Jahr in München. Das vorliegende Buch erschien postum. Die drei Erzählungen, die allesamt von Reisen und seltsamen Begegnungen handeln, schlagen den Bogen vom Davor des Holocaust zum Danach. Die erste, 1932 geschrieben und bislang unveröffentlicht, zeigt, was aus der Schriftstellerin hätte werden können, die beiden anderen, was aus ihr geworden ist. Grete Weil hatte keine Zeit, ihre Begabung zu entwickeln. "Mein Talent, mit Worten etwas deutlich zu machen", so liest man im "Antigone"-Roman, "hängt in Fetzen." Die Flucht vor den Nationalsozialisten nach Amsterdam, wo sie als Fotografin arbeitete, zusehen musste, wie ihr Mann verhaftet und deportiert wurde, das Leben im Versteck, zerschnitt, was hoffnungsvoll begonnen hatte.

          Gewiss, die frühe Erzählung "Erlebnis einer Reise", die dem Band den Titel gab, ist nicht mehr als eine Talentprobe. Es fehlte der jungen Autorin die Sprache, um komplexe Gefühle zu schildern; allzu holzschnitthaft fallen die Charakterisierungen aus. Doch der Zugriff auf das gewagte Thema der Homosexualität - ein Liebespaar wird durch die Begegnung mit einem schönen Knaben nachhaltig verstört - ist kühn; das Lebensgefühl einer Jeunesse dorée, der die Schreiberin sich zurechnen durfte, wird authentisch vermittelt; die Schilderung einer Bergtour, die beachtliche alpine Erfahrungen verrät, zeigt eine Erzählerin, die Spannung aufzubauen versteht.

          Die anderen Erzählungen, beide in den sechziger Jahren entstanden, dem rasch vergessenen Band "Happy, sagte der Onkel" von 1968 entnommen, weisen auf den Klimasturz hin, den die Autorin durchlebt hat. Impressionistisch, skizzenhaft, mit Reportageelementen durchsetzt, schreibt Grete Weil kaum verhüllt von sich selbst. In "Gloria Halleluja" imaginiert die Ich-Erzählerin die Begegnung einer in Deutschland lebenden Jüdin mit Schwarzen im New Yorker Stadtteil Harlem. Rassen- und Religionshass wallen auf, die Touristin flieht zu einer alten weißen Pfandleiherin, die ihr wütend den Arm mit der eintätowierten KZ-Nummer entgegenhält.

          Grete Weil ist bei ihrem Thema angelangt. Schuldbewusst flüstert die Besucherin: "Ja, ich weiß. Ich will es nicht wieder tun. Nicht noch einmal überleben." "B sagen" spielt auf diese Schuld an. Wer überlebt, hat A gesagt; nun muss er auch B sagen, sich mit den Mördern einlassen. Hier begegnet die Touristin in Mexiko einem Fremdenführer, in dem sie einen SS-Offizier, für den sie in Amsterdam gearbeitet hat, zu erkennen glaubt. Die Erzählerin stellt sich ein Gespräch mit dem Mann vor, das zu einem Plädoyer für den Todfeind wird. Das ist groß gedacht, doch in der Durchführung, die voller Naivitäten und Klischees ist, vermag Grete Weil nicht zu überzeugen. Auch das ist ein Zeugnis: vom Leiden reden zu müssen, ohne eine angemessene Sprache dafür zu finden.

          RENATE SCHOSTACK

          Grete Weil: "Erlebnis einer Reise". Drei Begegnungen. Verlag Nagel und Kimche. Zürich 1999. 154 S., geb., 34,80 DM.

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