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Rezension: Belletristik : Marcel Beyer: Flughunde

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Es ist meisterhaft, wie Marcel Beyer das schafft: Einen Roman über einen bizarren Geräuschesammler im Dritten Reich zu schreiben und gleichzeitig ein unglaublich aktuelles Buch, das selbst ein Begleitgeräusch der Gegenwart ist. Auch wenn die heutige Zeit nur kurz aufzutauchen scheint: als man ein vergessenes Schallarchiv findet.

          Es ist meisterhaft, wie Marcel Beyer das schafft: Einen Roman über einen bizarren Geräuschesammler im Dritten Reich zu schreiben und gleichzeitig ein unglaublich aktuelles Buch, das selbst ein Begleitgeräusch der Gegenwart ist. Auch wenn die heutige Zeit nur kurz aufzutauchen scheint: als man ein vergessenes Schallarchiv findet. Bloß ein alter Mann namens Karnau weiß von dem querulantischen Archiv, dort steht eine Schellack-Aufnahme "Der Führer hustet", daneben die Absonderlichkeiten eines bürokratischen Sammeleifers; Geräusche etwa, die die Absonderungen der Bauchspeicheldrüse verursachen, "sofern man der Katalogisierung trauen kann". Man kann. Hinter den präzisen Worten steckt ein brutales Wie. Wie man an die Geräusche gekommen ist? Karnau hat danach in hilflosen, gefolterten Körpern gejagt.

          Marcel Beyer, pop- und theorietrainierter Autor, erzählt die Geschichte von Karnau, Wachmann im Führerbunker und Schallforscher, der im Namen von Wahrheit und Wissen zum Schuldigen wird. Als Wachmann ist Karnau eine historische Person, als Schallforscher ist er Beyers Geschöpf. Er wird Instrument einer Reflexion: Beyers Fiktion, im Dritten Reich angesiedelt, spiegelt Gegenwart. Und das alte Thema einer zum Selbstzweck werdenden, scheiternden Suche.

          Karnau will den Menschen akustisch kartographieren. Irgendwo im Körper ist das Geheimnis eines unartikulierten Urlautes versteckt, die reine Individualität, unverwechselbar wie ein Fingerabdruck, aber überdeckt von Narben auf den Stimmbändern. Unkenntlich gemacht von der Geschichte eines Menschen. Vor der ekelt sich Karnau: Diese Verzerrungen, die er in jedem Räuspern, Schreien, Krächzen anderer zu hören glaubt: das ist die "Hörfront". Aber Karnau sucht nach der Seele. Er will das wegschälen, die Knötchen und Narben, das verfälschende Artikulierte. Die Nationalsozialisten sehen die Möglichkeit, das Innerste zu manipulieren; die arische Frequenz einzustellen. So kommen sie allmählich zusammen, Karnau und die Nationalsozialisten.

          Die Suche Karnaus ist begleitet von einem Gefühl von Verlorenheit, das ins Heute weist; festgemacht am verstörenden Faktum der Reproduzierbarkeit des Körpers. Mit der Isolation der Stimme, immer wieder abspielbar, wird auf einmal das Eigene zum Anderen. Der Schauplatz der Entfremdung ist der Mensch selbst, und die Suche nach der wahren Stimme wird stellvertretend zur scheiternden Suche nach sich selbst: "Dort, in der Dunkelheit des Kehlkopfs: Das ist deine eigene Geschichte, die du nicht entziffern kannst." Dennoch versucht es Karnau. Anfangs sind es Kehlköpfe von Tierkadavern, die er untersucht. Später werden es lebende Menschen sein; Karnau wird sie in Gedanken "Figuren" nennen und nur nebenbei die Urinlachen registrieren, in denen seine Opfer stehen. Aber was ist, wenn unter der Oberfläche nur weitere Oberflächen sind? Alles immer verwirrender wird, je mehr sich offenbart? Das Reale zu entgleiten scheint, weil sich die eine, feststehende und damit beruhigende Wahrheit: der Sinn nicht enthüllt? Karnau stößt auf das Paradox des Körpers, der um so rätselhafter und bedrohlicher wird, je mehr man ihn entblößt. An dieser Stelle, wo Karnau bereits schuldig geworden ist; wo er den anderen versehrt hat, um die Wahrheit zu finden: Das ist der Moment, wo er eines nachts von Rilkes Urgeräusch träumt. Von der Grammophonnadel auf der eigenen, offengelegten Schädelnaht. In das Geräusch der ersten Knochensplitter mischt sich ein Knattern. Ein absurdes Geräusch: Karnau versteht nichts. Es gibt nichts zu verstehen. Es ist nur die Schuld, die als einziges bleibt.

          azz

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