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Rezension: Belletristik : Manschetten aus Meteorit

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Hier ist der größte Schriftsteller der Niederlande", soll Willem Frederik Hermans ausgerufen haben, als er, jung und unbekannt, das Büro eines - und erst viel später seines - Verlegers betrat. Das klingt unbescheiden, aber man mochte dem selbstbewußten Mann nur zustimmen, als vor einem Jahr die "Dunkelkammer des Damokles" erstmals in deutscher Übersetzung erschien.

          Hier ist der größte Schriftsteller der Niederlande", soll Willem Frederik Hermans ausgerufen haben, als er, jung und unbekannt, das Büro eines - und erst viel später seines - Verlegers betrat. Das klingt unbescheiden, aber man mochte dem selbstbewußten Mann nur zustimmen, als vor einem Jahr die "Dunkelkammer des Damokles" erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Mit dem an Kafka und Céline geschulten Roman, der die schwarze Romantik des neunzehnten und die kaltherzige, lakonische Thriller-Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts grandios verbindet, gelang Hermans schon 1958 der Durchbruch in die Meisterklasse, wenn auch unbemerkt von deutschen Lesern. Während viele berühmte Werke jenes Jahrzehnts in literaturhistorische Ferne gerückt sind, liest sich das Buch des holländischen Existentialisten heute noch so phänomenal wie damals.

          Jetzt folgt, wiederum in der vorzüglichen Übersetzung von Waltraud Hüsmert, die pessimistische Romankomödie "Nie mehr schlafen" von 1966, die Geschichte einer gründlich mißglückten Expedition, ein Text von präziser realistischer Konkretion, der zugleich als philosophische Parabel zu lesen ist, als "Endspiel" am Nordkap. Der junge holländische Geologe Alfred Issendorf möchte eine triumphale Dissertation vorlegen und die Theorie seines Doktorvaters beweisen, nach der gewisse Geländeformen der Finnmark aus Meteoriteneinschlägen resultieren. Hinter solchem Ehrgeiz ist ein Familientrauma wirksam: Als Alfred sieben Jahre alt war, verunglückte sein Vater, ein Biologe, tödlich in einer Schlucht; ein paar Tage nach dem Forschungsunfall wurde noch die Ernennung zum Professor zugestellt. Alfred, früh auf Ruhm und Ehre verpflichtet, soll das Mißgeschick gewissermaßen "rächen", als wäre es eine narzißtische Kränkung der Familie gewesen.

          Seine Expedition ist jedoch von Anfang an mit Vorzeichen des Scheiterns markiert. In Oslo muß er noch bei Professor Nummedal vorsprechen, einer ebenso weltberühmten wie uralten Kapazität der Geologie, bewaffnet mit einer "Lupe von der Größe einer Bratpfanne", stets hämische Scherze und entmutigende Weisheiten auf den Lippen. Anstatt dem Doktoranden die versprochenen Luftaufnahmen auszuhändigen, ohne die sein Vorhaben kaum gelingen kann, gibt er ihm mit hartnäckiger Freundlichkeit eine Einführung in Oslo und Umgebung und spottet vor allem über die Niederlande: keine Gletscher, keine Gebirge, ein "Ländchen aus Schlamm und Lehm". Wo solle denn da die Vertrautheit mit den großen Fragen der Geologie herkommen?

          Hermans war selber Dozent der Geologie, bis er 1973 die Universität Groningen wegen Intrigen verließ und nach Paris ins "Exil" ging. Seine eigenen Expeditionserfahrungen kommen dem Roman zugute, wenn die Torturen eines endlosen Marsches in feindseliger Landschaft beschrieben werden. Mit dem norwegischen Freund Arne stolpert und stürzt Alfred über die öde Hochebene, durch Schnee, Morast und Gesteinsfelder, bei drei Grad über Null stets bis auf die Haut durchnäßt vom Dauerregen oder von gescheiterten Versuchen, Gewässer halbwegs trocken zu überqueren. Eine Höllenfolter sind die Schwärme von Mücken und Stechfliegen: "Die Mücken setzen sich auf mein Gesicht, in die Augen. Mein keuchender Mund saugt sie ein, ich spüre sie auf der Zunge, am Zäpfchen." Und immer den Rucksack mit Gesteinsproben dabei, für den Alfred einen heroischen Vergleich findet, der zugleich seinen Familienauftrag grotesk zum Ausdruck bringt: "Äneas ging mit seinem Vater auf dem Rücken von Troja bis nach Rom."

          Dann wieder gibt sich Alfred, im Delirium der Erschöpfung, Phantasmen des Erfolges hin: Wenn er nur die Luftaufnahmen hätte, ein Blick würde genügen, um Meteoriteneinschläge zu entdecken. Als sich zeigt, daß einer der norwegischen Begleiter, den er schon länger als Rivalen empfunden hat, über die Aufnahmen verfügt, ist Alfreds Panik groß: "Mir kommt der Gedanke, daß ich das Opfer einer abscheulichen Verschwörung bin." Opfer der Rache Nummedals, der nie vergessen hat, daß ihm Alfreds Doktorvater einst zu widersprechen wagte. So weicht die anfängliche Grandiosität in einer Umgebung ohne menschliches Maß schließlich dem Bewußtsein völliger Nichtigkeit. Der Irrlauf endet in einer Tragödie. Nicht mit der großen Entdeckung, sondern mit einer Todesnachricht kehrt Alfred zurück.

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