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Rezension: Belletristik : Lug und Trug des Frühjahrsschnees

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Jorge Semprúns früher Roman "Die Ohnmacht" / Von Walter Haubrich

          Die Erinnerung sollte, nach der Überzeugung von Jorge Semprún, zur Obsession werden; denn, so zitiert er einmal Milan Kundera: "Der Kampf des Menschen gegen die Macht ist der Kampf der Erinnerung gegen das Vergessen."

          Jorge Semprún kämpfte viele Jahre seines Lebens gegen die Macht: in der französischen Resistance und im Konzentrationslager Buchenwald gegen die Macht Nazideutschlands, im Madrider Untergrund und später als im Exil lebender Intellektueller gegen die Diktatur des spanischen Generals Franco. Einige Jahre hindurch übte dann Jorge Semprún auch selbst Macht aus: als Mitglied einer von Felipe González geführten demokratischen Regierung in Spanien. In den meisten seiner Bücher, den Romanen wie den politischen Memoiren, kreuzen sich zahlreiche Stränge der Erinnerung. Die ersten Romane Semprúns berichten von seinen ersten Erlebnissen im Kampf um die Freiheit. Nach "Die lange Reise", mit dem internationalen Formentor-Preis ausgezeichnet, erschien 1967 "L'Evanouissement", der einzige bislang noch nicht ins Deutsche übersetzte Roman Semprúns, der jetzt in der bis auf einige Irrtümer bei der Wiedergabe spanischer Ausdrücke präzisen, oftmals brillianten Übertragung von Eva Moldenhauer unter dem Titel "Die Ohnmacht" veröffentlicht wird.

          "Die Ohnmacht" ist zeitlich eine Fortsetzung von "Die große Reise". Manuel, der Protagonist des ersten Romans, ist aus Buchenwald nach Frankreich zurückgekehrt. Beim Sturz von der Plattform eines Pariser Vorortzuges verliert er vorübergehend und teilweise das Gedächtnis. Manuel erinnert sich an einiges, doch nicht an alles aus seinem früheren Leben. Nach und nach kann er die fehlenden Einzelheiten dem Vergessen entreißen und seine Vergangenheit ordnen.

          Dabei hilft ihm ein immer wiederkehrendes Bild: das vom Schnee und vom Flieder. Der Schnee überdeckte die Gräber und den Tod in Buchenwald, gibt dem schlimmen Deutschland Hitlers ein täuschend unschuldiges und Idylle vorspiegelndes Bild; er ist auch der trügerische Frühjahrsschnee bei einer Demonstration der sich siegreich fühlenden Linken nach dem Kriegsende. Ein Schnee, der wie die Hoffnungen der Linken und das Vertrauen in den Kommunismus schnell schmilzt.

          Der Roman spielt in drei verschiedenen Zeiträumen: im Sommer 1945 nach der Rückkehr Manuels aus dem Konzentrationslager, dann im Rückblick auf die französische Resistance gegen die Deutschen und als Vorgriff auf die Zukunft in den fünfziger und beginnenden sechziger Jahren in Spanien beim Untergrundkampf gegen die Diktatur Francos. Die früheren und späteren Ereignisse reihen sich wie in einem Kreis aneinander; der zentrale Verknüpfungspunkt ist der 6. August 1945, als die Atombombe auf Hiroschima geworfen wurde und der Zweite Weltkrieg damit definitiv zu Ende war.

          Diese an sich komplizierte Struktur des Romans wird für den Leser leichter erfaßbar durch zwei sich abwechselnde Erzähler. Der in der Ich-Form berichtende Manuel wird unterbrochen von einem vor allem vorausschauenden, auch objektivierenden allwissenden Erzähler, der über Manuels Leben und späteren Tod in der dritten Person Auskunft gibt.

          In "Die Ohnmacht" findet sich schon die für Semprúns spätere Werke so charakteristische Konfrontation von Gegenwart und Erinnerung, die dann in "Was für ein schöner Sonntag!" zu dem ständigen Vergleich der Verbrechen zweier Diktaturen, der nationalsozialistischen und der stalinistischen, führt. Für Semprún ist auch die Erinnerung fragwürdig; sie kann - wie etwa in "Die Ohnmacht" - durch einen Unfall oder die Folter zumindest für eine Zeitlang ausgelöscht oder aber bewußt manipuliert werden. Über Schuld oder Unschuld des Gedächtnisses hat Semprún viel geschrieben. In den Büchern, die von seiner Zeit in der Führung der Kommunistischen Partei Spaniens handeln, stellt er seine eigene Erinnerung den Aussagen anderer gegenüber und hält es für möglich, daß zwei völlig gegensätzliche Zeugnisse aus der Vergangenheit beide im guten Glauben gegeben werden. Das Gedächtnis der Protagonisten historischer Ereignisse kann, vielleicht für diese selbst unbewußt, im Laufe der Zeit stark verändert werden. Semprún hat es sich zur Pflicht gemacht, einstmals mächtige Politiker an ihre Vergangenheit zu erinnern. 1982 hat er in einem Interview mit Michi Strausfeld gesagt: "Für mich gibt es kein unschuldiges Gedächtnis mehr. Und diese Manie, mich an alles zu erinnern, nichts zu vergessen, rührt zunächst von einer starken persönlichen Erfahrung her, ist dann aber auch ein Entschluß, fast eine persönliche Strategie. Nicht nur literarisch, sondern auch politisch oder moralisch."

          In "Die Ohnmacht" erinnert sich Semprún, der trotz seiner Erfahrungen mit den Nazis keine Ressentiments gegen Deutschland hegt, auch an die erlittene Folter durch Gestapo-Männer und Feldgendarme. Es war an der Zeit, auch diesen Roman, der so viel mit Deutschen zu tun hat, in die deutsche Sprache zu übersetzen, womit jetzt im Suhrkamp Verlag das gesamte literarische Werk von Semprún vorliegt. Längst vergriffen ist das wichtigste politische Erinnerungsbuch Semprúns: "Die Autobiographie von Federico Sánchez", die in den siebziger Jahren in einer fehlerhaften und gekürzten Übersetzung in einem anderen Verlag veröffentlicht wurde und die jetzt in einer neuen, korrekten Übersetzung erscheinen sollte.

          Jorge Semprún: "Die Ohnmacht". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 200 S., br., 26,90 DM.

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