Home
http://www.faz.net/-gr4-3ql4
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Belletristik Lucy? Isabelle?

 ·  Mircea Eliade ist in erster Linie als Mythenforscher bekannt geworden, als Wissenschaftler, der sein Interesse an den zeitlosen, universalen Symbolen der Religionen objektiv zu begründen sucht. Solchem Interesse liegt auch eine subjektive Neigung zugrunde, die in seiner wissenschaftlichen Arbeit kaum Ausdruck fand.

Artikel Lesermeinungen (0)

Mircea Eliade ist in erster Linie als Mythenforscher bekannt geworden, als Wissenschaftler, der sein Interesse an den zeitlosen, universalen Symbolen der Religionen objektiv zu begründen sucht. Solchem Interesse liegt auch eine subjektive Neigung zugrunde, die in seiner wissenschaftlichen Arbeit kaum Ausdruck fand. So ist es aufschlußreich, daß Eliade neben seinen mythen- und religionsgeschichtlichen Studien Romane geschrieben hat. Der bedeutendste ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden: das Epos "Der verbotene Wald", in dem der 1907 geborene Eliade auf seine verlorene rumänische Heimat zurückblickt.

Einen Ausweg aus der Misere Europas hat Eliade schon früh gesucht. Von 1928 bis 1932 studierte er Sanskrit in Kalkutta und lebte als Gast im Hause seines Lehrers, des indischen Philosophen Surendranath Dasgupta. Auf dieser Periode in Eliades Leben beruht sein Roman "Isabelle und die Wasser des Teufels". Eliade hat ihn im Sommer 1929 in Kalkutta geschrieben, mit 22 Jahren. Der Erzähler will aus der bedrängenden Wirklichkeit ausbrechen, und die möglichen Alternativen werden im Gegensatz zweier Frauen durchgespielt: Auf dem Schiff lernt er die Professorin Lucy Roth aus Wien kennen. Sie ist vermutlich eine Jüdin, eine reiche Kunstsammlerin und Ästhetin, die das Leben nur geistig - wenn auch zuweilen mit sündhafter Sinnlichkeit - zu genießen wünscht. Wenig später begegnet der Erzähler in seiner bengalischen Pension dem fünfzehnjährigen Mädchen Isabelle, das in Kalkutta eine katholische Schule besucht. Sie ist das genaue Gegenbild zu Lucy Roth. Ihr Leben läuft im Horizont kolonialer Kleinbürgerlichkeit ab, und in einem langen Kapitel stellt sich der Erzähler die eintönigen Jahre vor, die er als Isabelles Ehemann an ihrer Seite verbringen müßte. Dann kehrt er zu den Abenteuern des Geistes zurück, die Lucy Roth ihm bereitet.

Und dennoch ist es die jungfräuliche Katholikin, durch die er das ersehnte Wunder des Neubeginns erfährt. Einmal hat er versucht, mit ihr zu schlafen, doch sie hat sich ihm verweigert. Lange liegt die Erinnerung daran wie ein Schatten über ihnen, aber am Ende des Romans geschieht das Außergewöhnliche. Ein Soldat namens Algie wohnt zeitweise in der Pension, Isabelle scheint mit ihm geschlafen zu haben, und der Erzähler, obwohl er tief getroffen ist, heiratet das schwangere Mädchen. Nach der Hochzeit berührt er sie nicht, und das Kind ist offensichtlich der Sohn des Soldaten. Isabelle aber gesteht ihm: "Jetzt kann ich es dir sagen ... Dir habe ich mich hingegeben ... Algie, und jeder andere ... Aber du, nur du warst schuld daran ..." Bald nach der Geburt stirbt Isabelle, und Eliade legt seinem Erzähler ein Schlußwort in den Mund: "Mein Kind wurde von einer Jungfrau geboren. Wie lebendig es ist, wie lebendig ... Und wie stark fühle ich doch, daß es meines ist!"

Über ein pathetisches, katholisch inspiriertes Mythologem kommt das Buch nicht hinaus, und dennoch ist es für die Person des Autors interessant. Denn in den gleichen Jahren hat der junge Eliade ein Erlebnis, das mit der hier beschriebenen Konstellation einige Ähnlichkeit aufweist: Im Haus seines Lehrers Dasgupta verliebt er sich in dessen Tochter Maitreyi. Sie ist damals ebenso alt wie Isabelle, und die Dinge kommen dahin, daß der Lehrer ihn des Hauses verweisen muß. Eliade hat das bald darauf in dem autobiographischen Roman "Das Mädchen Maitreyi" verarbeitet, auf den sie nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie schon eine bekannte indische Lyrikerin war, eine Antwort schrieb. Die Wasser des Teufels, aus denen die Jungfrau Isabelle den späteren Religionsforscher errettet, haben in diesen Zusammenhängen ihren autobiographischen Ort. Sie fließen aus der Quelle eines tiefen Wunsches: Die Not ist die Mutter des Mythos.

JAKOB HESSING

Mircea Eliade: "Isabelle und die Wasser des Teufels". Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt von Richard Reschika. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2001. 221 S., geb., 19,43 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.09.2002, Nr. 215 / Seite 36
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen