http://www.faz.net/-gr3-6q6ye

Rezension: Belletristik : Loton, der dicke Menschenfreund

  • Aktualisiert am

Das humanistische Gewissen des Abendlandes: Antonio Tabucchis Roman einer Schuld · Von Andreas Platthaus

          Ein Leitmotiv des Kriminalromans ist die Gewalt. Ohne Mord oder zumindest ernste Gefahr für Leib und Leben Unschuldiger ist die Suche nach dem Täter reizlos. Wie manche Kinogänger den Saal verlassen, wenn in der ersten halben Stunde nur drei Leichen den Weg des Westernhelden pflasterten, so verlangt es den Krimileser nach einem lohnenden Objekt des wohligen Schauers. Wer wollte schon den Bemühungen eines Ermittlers auf Hunderten von Seiten folgen, wenn nicht ein Feind des Menschengeschlechts zur Strecke gebracht werden soll?

          Ein Leitmotiv der Bücher Antonio Tabucchis ist die Gewalt. In "Erklärt Pereira", seinem erfolgreichsten Buch, erwacht ein Journalist aus seiner Lethargie und schreibt gegen das faschistische Regime in Portugal an. Der im letzten Jahr auf deutsch erschienene Band "Der schwarze Engel" enthält mit "Nacht, Meer und Ferne" und "Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in New York einen Taifun in Peking verursachen?" gleich zwei Erzählungen, die sich den perfiden Methoden staatlichen Terrors widmen. Ein suggestives Verhör, ein nächtlicher Überfall durch den Geheimdienst beschwören abermals die Stimmung der totalitären Vergangenheit Portugals herauf. Der italienische Schriftsteller mit der großen Liebe zu dem kleinen Staat auf der Iberischen Halbinsel hat aus seiner Ambivalenz gegenüber der jüngeren Vergangenheit Portugals nie einen Hehl gemacht - und Portugal steht ihm für die Welt. Keines seiner Bücher beschwört die glorreichen Jahrhunderte der portugiesischen Weltmacht, alle aber feiern den Widerstand der Zivilisation gegen politische Willkür.

          So auch "Der verschwundene Kopf des Damasceno Monteiro", der jüngste Portugal-Roman Tabucchis, eine Kriminalgeschichte, die auf einem realen Ereignis des Jahres 1996 beruht und nur wenige Monate nach der Originalausgabe auch auf deutsch erscheint. In einem öffentlichen Park von Porto wird die enthauptete Leiche eines jungen Mannes gefunden, der Kopf ist nicht zu finden. Die Lissabonner Boulevardzeitung "O Acontecimento" entsendet ihren Reporter Firmino, um über den spektakulären Fund zu berichten. Alsbald ergeben sich Widersprüche zwischen den Zeugenaussagen und den Auskünften der Polizei. Mit Hilfe des Rechtsanwalts Fernando Diego Maria de Jésus de Mello de Sequiera, den ganz Porto nur "Loton" nennt, weil er dem Schauspieler Charles Laughton ähnelt, deckt Firmino die dunklen Praktiken einiger Angehöriger der Guardia Nacional auf, die den jungen Damasceno Monteiro beseitigt haben, um eigene Drogengeschäfte zu decken. Soweit die Krimihandlung von Tabucchis Buch.

          Man könnte gegen deren Schlüssigkeit einiges einwenden. Bevor Polizeisergeant Titânio Silva, der Mörder Monteiros, sein Opfer verschleppte, überschüttete er ihn im Zorn mit Heroin und feuerte einen Pistolenschuß in die Decke ab. Weder Firmino noch Loton bemühen sich im Laufe ihrer Ermittlungen, diese Spuren zu sichern. Als der Kopf des Toten aus dem Douro gefischt wird, wird die Kugel darin ebenso wenig überprüft wie das Büro Silvas, wo dem Ermordeten das Haupt abgetrennt worden war. Somit ist klar, daß Silva im Prozeß freigesprochen wird. Dem Krimiliebhaber dreht sich bei solchen Versäumnissen der Magen um. Der Literaturfreund aber leckt sich die Lippen, denn Tabucchis Roman ist viel mehr als eine profane Kriminalerzählung.

          Weitere Themen

          „24 Frames“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „24 Frames“

          Am Montag, dem 19. November, läuft um 23:35 Uhr „24 Frames“ auf Arte.

          Mehr Streit wagen

          TV-Kritik: Anne Will : Mehr Streit wagen

          Friedrich Merz wird bei Anne Will gegrillt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Und manchmal muss er sogar ein bisschen kichern.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz zu Gast bei „Anne Will“

          TV-Kritik: Anne Will : Mehr Streit wagen

          Friedrich Merz wird bei Anne Will gegrillt. Das scheint ihm Spaß zu machen. Und manchmal muss er sogar ein bisschen kichern.
          Matteo Salvini und Silvio Berlusconi

          Salvinis Taktik : Finanzpoker mit Brüssel

          Rom macht zu viele Schulden. Ein Bußgeld droht. Doch statt zu zahlen, verhöhnt Innenminister Salvini die „Bürokraten in ihrem Brüsseler Bunker“, denn er hat noch ein paar Asse in der Hinterhand.
          Lächelnd im Konfettiregen: Alexander Zverev wandelt endgültig auf den Spuren von Boris Becker und Michael Stich.

          ATP-WM in London : Alexander Zverev überrollt Djokovic

          Das hätte ihm kaum jemand zugetraut: Der Hamburger besiegt den Weltranglistenersten in zwei glatten Sätzen und gewinnt beim ATP-Finale in London den bislang größten Titel seiner Karriere.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.