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Rezension: Belletristik Land der endlosen Leere

20.11.1996 ·  Adolf Endler schnibbelt Halbsätze und warnt vor Utah

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Adolf Endler hatte einen anderen Titel im Sinn. "Der Kettenraucher von Mexican Water" wollte er sein Buch ursprünglich nennen: Weil es den Leser besser vorbereitet hätte auf "das stete Gequengel des Autors über die Folgen der militanten Anti-Raucherkampagne in den USA", wie er uns auf Seite zehn noch glauben machen will, wohl eher aber, wie wir auf Seite achtundachtzig erfahren, weil diese Überschrift nach "einer der bravourösen Geschichten von Bret Harte, Mark Twain oder Artemus Ward" klinge. Womit wir schon mitten im Thema sind. Denn viel häufiger noch als an Zigaretten denkt Endler in seinem Buch an Literatur, genaugenommen tut er es unentwegt.

Das beginnt gleich im ersten Satz. "Geht das überhaupt?, ein Buch über die USA zu schreiben, genauer, über den Südwesten der USA, als wäre es das erste dieser Art seit geraumer Zeit, sagen wir 'mal, seit Wolfgang Koeppens Amerika-Notizen?" Und ohne daß es Endler bewußt wird, ist es auch schon geschehen um seine Vorstellung von einer "gewissen naiven Jungfräulichkeit" und um seine Hoffnung, "munter und verantwortungslos ,subjektive' Eindrücke" wiederzugeben. Das erste Vorbild ist genannt, und da sich Koeppen bereits auf Kafka und Melville stützte, werden Endlers Aufsätze zu Texten über Texte über Texte. "Der Bibliothekar von Mexican Water" wäre auch kein schlechter Titel für sein Buch gewesen, denkt man sich am Ende.

Nicht nur seine Urlaubslektüre (Thomas Pynchons "Vineland") und die seiner Begleiterin (Jack Kerouacs "On the Road") begegnen uns im Laufe der vierzig kleinen Kapitel immer wieder - obwohl doch jeder Reisende weiß, daß man unterwegs "kontratopisch" lesen muß, also über andere Regionen als die, die man gerade besucht -, auch sonst wird Endler nicht müde, bei jeder Gelegenheit auf mehr oder minder prominente Schriftsteller zu verweisen. Dort, wo er deren Wirkungskreis besucht, ist das nicht ohne Sinn und Reiz, in Steinbecks Monterey Bay etwa, in Millers Big Sur, in Hammetts San Francisco, selbst in Taos, wo ihn der Zufall - "das führende Hotel an der Plaza" war ausgebucht - ausgerechnet in den El Rincón Inn führt, einen der Schauplätze des Frank-Waters-Romans "The Man Who Killed the Deer", wie uns nicht vorenthalten wird. Aber wenn es nur das wäre. Fast jede Seite bezeugt gleich mehrfach die Belesenheit des Autors.

Man könnte Endlers Buch mit dem Begriff der Intertextualität zu Leibe rücken, man könnte nach einer Meta-Ebene suchen, über Entfremdung klagen und darüber, daß unsere gesamte Wahrnehmung gleichermaßen geprägt wie gebrochen ist durch Kunst, Populärkunst und Massenmedien (auch im Kino und in der Welt der Schlager kennt Endler sich aus), man könnte dem Autor sogar mit einigem Wohlwollen den Willen zur Dekonstruktion unterstellen, aber es ist alles viel einfacher: Endler ist in Amerika sehr wenig auf- und später in Monaco und Berlin-Friedrichshain nur geringfügig mehr eingefallen.

Daß sein Notizbuch auf dieser Reise "so deprimierend leer" geblieben ist und "nur ganz selten ein Halbsätzlein in es hineingeschnibbelt" wurde, gibt er offen zu. Dafür, so Endler, sei "vielleicht auch das dürftige Rauchwarenangebot in all diesen Staaten verantwortlich zu machen". Dann soll er doch nach Zypern fahren, wenn er das nächste Mal ein Buch zu schreiben gedenkt.

Endler kam 1930 in Düsseldorf zur Welt, wo er auch aufwuchs. Als er die Repressalien gegenüber der Linken erfährt, siedelt er 1955 über in die DDR. Seine Hoffnungen und Utopien jedoch zerschlagen sich. Zwar zählt er dort mit einer Reihe von Lyrikbänden und Literaturaufsätzen zu den führenden Schriftstellern, doch haftet seinen Granteleien der Makel der Staatsfeindlichkeit an, und nachdem er gegen die Ausbürgerung Biermanns protestiert, wird er 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Seine Werke erscheinen fast nur noch in Untergrundzeitschriften - und im Westen.

Immer freilich war Endler mehr als nur ein Staatskritiker. Er ist Weltkritiker. Dabei mangelte es ihm während seiner Beschäftigung mit der Absurdität des Lebens in der DDR offensichtlich nie an Anschauungsmaterial. Weshalb er hingegen in Amerika nicht fündig wurde, ist schwer zu verstehen. Über Ansätze jedenfalls kommt er in "Warnung vor Utah" nur selten hinaus. Man wird nicht schlau aus dem Buch. Will Endler staunen und findet keinen Grund? Will er polemisieren und findet keinen Anlaß - außer dem Rauchverbot, das ihn ständig und überall begleitet? Um so überraschter nimmt man zur Kenntnis, daß er sein Textsammelsurium in dem wohl kürzesten, einem nur dreizehn Wörter langen Beitrag als "wütend qualmendes Büchlein" bezeichnet.

Es gibt diese lichten Momente. Oft werden sie scheinheilig eingeleitet mit Worten wie "Nebenher:", "Bei Seite:", "PS.:" Da fällt ihm auf, wie die Amerikaner vom Greuel und Leid der Schlachten ablenken, indem sie den letzten Weltkrieg nüchtern-distanziert als "WW II" bezeichnen, da nimmt er mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis, daß nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch in Amerika Straßen umbenannt werden, wenn auch aus anderen Gründen: etwa in Monterey Bay, wo die Ocean View Avenue heute publikumsfreundlicher und damit fremdenverkehrstauglicher "Cannery Row" heißt. Und den Stadtplanern Berlins gibt er nach seinen nächtlichen Streifzügen durch San Francisco und Los Angeles zu bedenken, daß sie "um Himmels willen die Winkel und Durchgänge nicht vergessen" dürfen, "in denen nächtens die Scharen der künftigen ,homeless people' zu lagern die Möglichkeit finden" sollen.

Dennoch: In jedem einzelnen Eintrag etwa seiner wunderbaren Berliner Sudelblätter "Tarzan am Prenzlauer Berg" (zu DDR-Zeiten geschrieben, als er in diesem mythenverhangenem Stadtteil selbst ein wandelnder Mythos zu sein schien, aber erst vor zwei Jahren erschienen; F.A.Z. vom 29. Oktober 1994) erfährt man mehr über das Wesen einer Stadt, eines Landes, einer Nation (beiderseits der Mauer) als in diesem Buch über Amerika und die Amerikaner. Im Südwesten der Vereinigten Staaten, so scheint es, fand Endler weniger das Land der endlosen Weite als der endlosen Leere. - Alle Hoffnung freilich ist nicht verloren. Die Prohibition wurde aufgehoben. Das Tempolimit wurde aufgehoben. Irgendwann, vermutet Adolf Endler, wird man auch wieder rauchen dürfen. Dann sollte er unbedingt noch einmal hinfahren. FREDDY LANGER

Adolf Endler: "Warnung vor Utah". Roman. G. Kiepenheuer Verlag, Leipzig 1996. 138 S., geb., 28,- DM.

Warnung vor Utah

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.1996, Nr. 271 / Seite 42
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