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Rezension: Belletristik Kunstschreiber auf Strecken der Mühsal

Mario Vargas Llosa kämpft mit eigenen Gespenstern und geht doppelt ins Exil / Von Jens Jessen

Dieses ungeheuer dickleibige und vergnügte, geradezu naiv vergnügt daherkommende Buch, dessen Titel den Autor als "Fisch im Wasser" annonciert, wird manchem Leser große Enttäuschung bereiten. Denn es ist in keiner Hinsicht, was es zu sein scheint. Es ist zunächst einmal gar nicht dick, sondern eher dünn, was seine Stoffgrundlage betrifft; es schildert nämlich nicht das Leben des berühmten peruanischen Schriftstellers, sondern nur zwei, freilich prominente Episoden daraus. Mario Vargas Llosa schildert seine Jugend und Studentenzeit bis zur Abreise nach Madrid 1958, mit der ein europäisches Exil von anderthalb Jahrzehnten begann, und er schildert seinen gescheiterten Wahlkampf um die peruanische Präsidentschaft von 1987 bis 1990, der ebenfalls mit seiner Abreise nach Spanien und einem neuerlichen Exil endete, das bis heute andauert und von ihm nur unterbrochen wurde, als er kürzlich seine sterbende Mutter in Lima besuchte.

"Der Fisch im Wasser" ist also nicht Vargas Llosas Autobiographie; und auch was es mit seinem Titel auf sich hat, ist nur schwer begreiflich. Denn es ist keineswegs das optimistische Buch, das er suggeriert; die Jugend, an die sich Vargas Llosa erinnert, ist hart, seine Kindheit bitter, die Präsidentschaftskampagne ein Fehlschlag und die politische Lehre, die sie erteilt, von einiger Hoffnungslosigkeit. Wo sollte das leichtflüssige Element gewesen sein, in dem sich der Autor wie ein Fisch bewegte? Was er schildert, sind zwei Strecken der Mühsal. Freilich, zwischen ihnen, beginnend mit der ersten Europareise und den ersten literarischen Erfolgen, könnte das Leben schön und leicht gewesen sein; und tatsächlich hellt es sich schon gegen Ende seiner Studentenzeit auf, da er dem Zugriff seines jähzornigen Vaters entrinnt, überhaupt der Ehehölle seiner Eltern, und sich in jenes Liebesabenteuer mit einer wesentlich älteren Verwandten stürzt, das durch seinen Roman "Tante Julia und der Kunstschreiber" unsterblich geworden ist.

Er erzählt die Geschichte der heimlichen Liaison und Eheschließung übrigens mit Humor, aber liebevoll und diskret; sie hat, im Genre der Erinnerung, nicht die ironischen Funken des Romans (höchstens selbstironische), aber ist auch nicht so weit von ihm entfernt, daß man diesen für eine Lüge halten möchte, wie es Tante Julia behauptet hat, als sie, längst geschieden, aus dem heimatlichen La Paz einen familiären Bannfluch über den Roman verhängte und sich daranmachte, ein eigenes Buch als Gegendarstellung zu verfassen. Nimmt man Roman und Erinnerungen Vargas Llosas zusammen, ist überhaupt nur schwer zu verstehen, was Tante Julia, die er als schön, elegant, witzig und souverän schildert, so gekränkt haben mag; es sei denn, sie wäre in Wahrheit viel konventioneller und konservativer, als Vargas Llosa in seiner erinnerten Verliebtheit unterstellt, und Witz und Souveränität eher Projektionen seiner eigenen Ideale.

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