19.03.1997 · Finster: Martin Amis kennt sich aus in einer schlechten Welt
Wenn einer etwas über den transatlantischen Literaturbetrieb, über Agenten, marketing departments und Verlagsmachinationen erzählen darf, dann ist es der heute achtundvierzigjährige Martin Amis. Er ist der Sohn eines berühmten Romanciers und als Schriftsteller, Redakteur bedeutender Blätter und unermüdlicher Rezensent ein prominenter Kenner jener Verhältnisse, in welchen sich die poetische Imagination selten mit Geld verbündet. Als Glückskind der Literatur und des Lebens schreibt er aber, ungeachtet aller seiner Erfolge von Jugend auf, als ein Rabelais des bösen Blicks, der die übelste Meinung von seinen Mitmenschen hat - wie sein viktorianischer Vorfahre Charles Dickens zeigt er gerne die korrupten Schwellungen und Wucherungen des Bösen in unserer Welt, aber seine milzsüchtigen Menschenhasser und kleinen Kriminellen sind jedenfalls interessanter als die wenigen Guten, die man bei ihm, im Gegensatz zu Dickens, eher unter dem Hilfspersonal findet. Er ist ganz und gar auf eine widerliche Welt eingestellt; wenn jemand hustet, klingt es "wie ein Scheibenwischer auf dem trockenen Glas".
In seinem neuen Roman "Information" entwickeln zwei Freunde, noch von Oxford her, den immer heftigeren Wunsch, einander in der Welt des Sports, der Frauen und der Bücher zu übertreffen. Richard Tull, verheiratet, zwei Söhne, professioneller Rezensent, weil er sonst nichts verdient, und wenig erfolgreicher Autor komplizierter Romane (acht Zeitebenen und sechzehn unzuverlässige Erzähler) kann es nicht ertragen, daß sein Freund Gwyn Barry als Bestseller-Epiker auf dem Londoner und New Yorker Markt reüssiert. Er setzt sich in seinen neidischen Kopf, Gwyn zu ruinieren, und nicht nur als Schriftsteller.
Die paradoxe Kunst des Erfolgsautors Amis besteht darin, sich psychologisch genau in die Instinkte des verbitterten Richard einzunisten und die Pathologie des Neides, die uns alle angeht, in allen ihren Sublimationen und Steigerungen zu entlarven. Richard will sich für alle Demütigungen, eingebildet oder nicht, an seinem Freund rächen, aber es gibt keinen ungeschickteren Rächer als ihn, und alle seine ausgeklügelten Aktionen schlagen gegen ihn zurück - er beginnt damit, Gwyn die Drei-Kilo-Sonntagsausgabe der "Los Angeles Times" anonym zu übersenden, weil er hofft, sein eitler Freund würde den ganzen Tag vergebens opfern, um seinen Namen darin zu finden (er findet ihn doch), und als er einen Ganoven heuert, der Gwyn auf einer Herrentoilette einen Denkzettel verabreichen soll, wird er prompt mit Gwyn verwechselt und trägt ein blaues Auge davon. Dabei kann Richard gar nicht ahnen, daß der Erzähler Amis selbst Gwyn längst abqualifiziert hat, denn sein internationaler Bestseller (die Geschichte einer New-Age-Kommune von jungen Leuten, die sich auf dem Lande der Sonnenaufgänge erfreuen) nichts anderes ist als eine politisch korrigierte und verkitschte Version des frühen Amis-Romans "Dead Babies" (1975, Gruppen-Wochenende auf dem Lande, Kokain, Gewalt, Sex und zuletzt mehr Tote als in Hamlet).
Die Welt der Literatur ist enger mit der Welt der Kriminalität verschwistert, als wir glauben, und das Böse schwärt an allen Enden und Ecken der Stadt. Scozzy, ein Crime-Manager mittleren Ranges, der sich seine Hände längst nicht mehr selber schmutzig machen will, hockt zu Hause im Flackern seiner Pornofilme, liest neue Literatur (Canetti, aber auch Richard Tull, der ihn dann prompt engagiert), praktiziert Einbrüche sozusagen als l'art pour l'art und winselt dann plötzlich wie ein junger Hund, als ihm die Leibwächter Gwyns, von der Gegenpartei, an die Haut rücken.
Die andere, nicht weniger interessante Gestalt, lange im Schatten und wortkarg, ist Richards Ehefrau Gina, die die Familie mit ihrer Public-Relations-Arbeit (aber auch anders) über Wasser hält. Richard hat keine Ahnung von ihrer Energie und Entscheidungskraft; und als seine romantische Freundin Selbstmord begeht, nicht ohne seine Frau genau über seinen Ehebruch zu informieren, und Gina plötzlich erklärt, "quitt mit ihm zu sein", weiß er nicht, welche Einsichten in die Realitäten seiner häuslichen Existenz ihm noch bevorstehen.
Amis läuft immer Gefahr zu karikieren, aber Scozzy und Gina haben eine merkwürdige Lebenswahrheit, und der Erzähler darf sein misogynes Mütchen eher an Gwyns Gattin, Lady Demeter, kühlen. Im Chorus der Nebenfiguren sind die älteren Damen, mit oder ohne Hütchen, gar nicht so ohne; die eine verwickelt friedliche Autofahrer in kostspielige Unfälle, die andere, zweiundsiebzig Jahre alt, "ein Märchen aus Fett", liegt auf dem Sofa, löst Kreuzworträtsel und verkauft, mit heiserer und erfahrener Stimme, Sex per Telefon.
Amis schreibt in einem sprachlichen Furor, hackt in die Tastatur seines Computers; sein Zeichen ist die mitreißende Energie seiner Erfindungskraft, nicht die sparsame Finesse. In Evelyn Waughs ironisch schwarzen Romanen, allerdings aus der Tory-Perspektive, sind weder Vergleiche noch Metaphern zu finden - nicht so bei seinem späteren Nachfolger Amis (früher Labour), der seinen Text nach rhetorischen Formeln auffüllt, immer nach zwei Negativen das Positive (nicht so, nicht so, sondern so) oder seine Vergleiche in Ketten aneinanderreiht, so zum Beispiel, wenn Richard von seinem vierzigsten Geburtstag ereilt wird "wie ein Schüler, der nicht aufgepaßt hat, wie ein kleiner Gauner, der sich hat erwischen lassen, wie eine Supermarktkonserve mit nahem Verfallsdatum, wie der nächste Patient beim Zahnarzt" (drei dieser Vergleiche sind abgeklappert, nur die Supermarktkonserve möchte ich nicht missen).
Er schimpft mit wunderbarer Präzision, aber an skurrilen Details hat er leider nie genug. Noch problematischer ist, daß Amis, der allwissende Erzähler mit seinen Romanfakten ziemlich liederlich umgeht oder, mit einem Mal in die Technik des Kriminalromans fallend, der Leserschaft nur so viel Information gönnt, als der Erzähler benötigt, um die nächste Überraschung vorzubereiten. Ich werde den Verdacht nicht los, daß er mich, den Leser, zynisch manipuliert, um Effekte zu haschen - noch drei Seiten vor Romanschluß in einem geradezu gehetzten Bedürfnis, einen gehörigen Knall zu veranstalten. Die Postmoderne hat ihn nicht davor bewahrt, die alte Theatertechnik des "Gestochen und geklatscht!" zu praktizieren, die Lessing schon vor mehr als zweihundert Jahren rügte.
In England und in den Vereinigten Staaten hat die Publikation dieses Buches einige Protestschreie und Attacken ausgelöst, die selbst wie Episoden aus einem Amis-Roman anmuten, ohne eigentlich die Frage nach der Qualität zu berühren. Viele Schriftstellerkollegen waren, in der Art Richard Tulls, mehr als erstaunt, daß Amis einen Vorschuß von 500000 Pfund (oder 800000 Dollar) forderte und sogar kassierte; und als es ruchbar wurde, daß er seine Londoner Agentin (die Gattin Julian Barnes nebenbei) gefeuert und zu einem ihrer amerikanischen Kollen (den man in professionellen Kreisen nur den "Schakal" nennt) überging, ja daß er sich zu gleicher Zeit von seiner Frau und der Mutter seiner beiden Söhne scheiden ließ, um eine jüngere Amerikanerin zu heiraten, Tochter eines uruguyanischen Bildhauers und Enkelin eines New Yorker Philantropen - da sprachen die Medien von seiner mid-life-crisis, und eine mißgünstige Kollegin bemerkte, er hätte das viele Geld benötigt, um seine Scheidung und ein komplett neues Gebiß zu finanzieren.
"Information" ist, ungeachtet aller Vorschußpfunde, das erfindungsreiche Buch einer narzistisch ungezügelten Intelligenz, die vor den brutalsten Einsichten in menschliche Motivationen und einer geradezu stolzen Menschenfeindlichkeit (ausgenommen: Kinder) nicht zurückschreckt. Dennoch: dieser neunte Roman zählt nicht zu seinen besten (wie etwa die "Dead Babies"), weil Amis eher bestätigt, was er als Arrangeur seiner Versatzstücke alles kann (sehr viel), ohne wie im Sprung zu Wendungen oder unerhörten Wagnissen anzusetzen; wer nichts von ihm gelesen hat, darf hier, durch einen Seitenflügel eher als durch das Hauptportal, in sein Laboratorium magnetischer Anziehungskräfte und machtvoller Abstoßungen eintreten. Die deutsche Leserschaft hat dabei das besondere Vergnügen, den Text in der deutschen Übersetzung Joachim Kalkas zu lesen, der sprachliche Empathie mit den Kenntnissen des erprobten Linguisten verbindet, und selbst in der Welt spezieller Idiome, zwischen Kulturjargon und Kriminellenparlando, nicht aus der Ruhe gerät. Er schwindelt nicht, und der Leserschaft geht nicht das Geringste verloren. PETER DEMETZ
Martin Amis: "Information". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Joachim Kalka. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996. 576 S., geb., 48,- DM.