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Rezension: Belletristik Körper zu Pflanzen

 ·  Paule Constant belebt den Realismus / Von Winfried Wehle

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Er treibt reiche Blüte und scheint doch kaum reife Früchte hervorzubringen: Der Roman hat einen schweren Stand bei seinen Kritikern. Das "große" Werk will nirgendwo mehr gelingen. Unbefriedigt muß deshalb alle verbliebene Sehnsucht nach epischer Heimat im Bildungsroman hier, im Gesellschaftsroman in Frankreich bleiben. Was aber, wenn die ganze Lebenswelt nicht mehr danach wäre? Und der Roman alle Hände voll zu tun hätte, so über die Wirklichkeit zu sprechen, daß die Betroffenen sich davon noch angesprochen fühlen? Er wird, mehr noch als früher, zunehmend enteignet. Wie ihm (und der Malerei) einst von Fotografie und Wissenschaft seine realistische Zuständigkeit streitig gemacht wurde, so bedrängen ihn heute Seh- und Live-Medien. Sie haben eine widerstandslosere, direktere, sichtbarere Wirklichkeit als er. Worin wäre er wirklich noch in seinem Element?

Anlaß zur Frage gibt Paule Constants "Die Tochter des Gobernators", 1994 in Paris, jetzt auf deutsch erschienen. Die Aufnahme in Frankreich war fast überschwenglich. Dabei ist es gewiß der große Roman nicht, auf den auch Frankreich wartet. Die Einstellung der Kritik dort ist jedoch anders: der Nouveau Roman und seine Ansprüche sind tot, es lebe eben ein neuer, jenseits von dessen Trockengebieten. Insofern ist Paule Constants Roman eine dieser Proben auf seine Zukunft.

Auffälligstes Merkmal: Er hat alles, was auch Unterhaltungsliteratur hat. Geradezu rücksichtslos setzt er sich über alle kopfgeborenen Richtlinien hinweg, auf die die Gattung gerne festgelegt wird. Auch den dunklen Anzug tieferer Bedeutungen trägt er nicht. Statt dessen hat er eine elementare Freßlust, die sich alles einverleibt, um den Leser zu locken. Dazu gehört, daß der Held zurückkehren darf. Der Leser weiß, woran er sich zu halten hat. Sie heißt Chrétienne, ist sieben und naiv, wie es in grausamen Märchen ist. Dieses Unschuldskind wird der Hölle von Cayenne ausgeliefert, der französischen Strafkolonie in Guayana. Die Autorin rüstet zu einem melodramatischen Schwarzweißdrama. Dazu paßt der ausgefallene Schauplatz: der Urwald, voll animalischer Selbstherrlichkeit, der alles Fremde krank macht und zersetzt. In gewisser Weise sind ihm die Schwerverbrecher der Kolonie geistesverwandt. In diesem Treibhaus der Leidenschaften soll Chrétiennes Vater, der Gouverneur, Ordnung schaffen. Eine zweite dramatische Front ist damit eröffnet: der Kampf zwischen dem zivilisierten Europa und den höllischen Tropen. Es ist der Urkonflikt von Verstand und Sinnlichkeit.

Auch in anderer Hinsicht geht die Autorin zurück zu den Ursprüngen. Ungeniert ist der allwissende Erzähler wieder da, als ob die Moderne ihn niemals für tot erklärt hätte. Doch auch seine Wiederkehr ist erfolgsorientiert. Nicht nur, daß er ihr eine runde, wie selbstverständlich in die Geschichte eingelassene Erzählung erlaubt, etwa sieben Jahre nach dem Weltkrieg. Sie nutzt ihn vor allem als Double ihrer Erinnerungen. Das nämlich will die Autorin vor allem: einen Bann ihres Gedächtnisses lösen. Sie selbst hat mit ihren Eltern einige Jahre in Cayenne gelebt. Aber das war nicht 1925, sondern 1949, und ihr Vater nicht "Gobernator", sondern Arzt. Über Eigenes läßt sich also authentisch offenbar am besten in erfundenen Geschichten sprechen. Gewiß, das ist eine Lektion moderner Literatur. Doch die Autorin scheint auch darin vor allem einem Erfolgstrend zu folgen. Wohin man liest: ein Hang zu Autobiografiktionen. Sie bürgen für Umsätze.

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Die Tochter der Gobernators

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.12.1995, Nr. 283 / Seite L4
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