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Rezension: Belletristik : Klappsofa mit Tücken

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Gäbe es Zuckerwattenliteratur, man müßte diese Erzählungen dazurechnen. Süß und rosa lockend, im Mund ein kurzes Lustgefühl auslösend, das sich schnell im Nichts verflüchtigt. Anna Gavaldas Geschichten sind zarte Verführungen. Sie stören nicht, irritieren nicht und haben doch einen unübersehbaren Unterhaltungswert.

          Gäbe es Zuckerwattenliteratur, man müßte diese Erzählungen dazurechnen. Süß und rosa lockend, im Mund ein kurzes Lustgefühl auslösend, das sich schnell im Nichts verflüchtigt. Anna Gavaldas Geschichten sind zarte Verführungen. Sie stören nicht, irritieren nicht und haben doch einen unübersehbaren Unterhaltungswert. Ganz ohne Ambitionen sind sie allerdings nicht, ein gewisser Bildungsanspruch ist ohne Zweifel vorhanden, der in homöopathischen Dosen dem Leser eingeträufelt wird. Geschrieben sind sie in einer luftig leichten Dessertsprache, die vor coolen Trendbegriffen strotzt und mit Szenen-Slang und flapsigen Einschüben aus der Alltagskultur durchsetzt ist.

          Ist es ein Wunder, daß die zweiunddreißigjährige französische Debütantin mit dieser Mischung auf Anhieb Erfolg hatte? Ihre Geschichten avancierten in Frankreich prompt zum vieldiskutierten Kultbuch, das über Monate auf den französischen Bestsellerlisten stand. Schon der Titel appelliert an die schlichten Ursehnsüchte: "Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet". Ja, und dieser Jemand wartet nun in der Titelerzählung auf dem Boulevard Saint-Germain, in feinerer, intellektuell angemessen vorbelasteter Umgebung und trifft ganz zufällig auf die Ich-Erzählerin.

          Nun muß man sich diese Geschichte mit dem zweideutigen Titel "Kleine Praktiken aus Saint-Germain" - in ihrem Tempo und mit dem spöttisch flimmernden Untergrund eine der stärksten des Buches - nicht als plumpe Herz-Schmerz-Story vorstellen. Dazu ist die Autorin, die in Paris Literatur studierte und als Französischlehrerin tätig ist, viel zu gebildet. Sie weiß, daß Klischees erst dann literarisch produktiv werden, wenn sie so zugespitzt sind, daß sie jederzeit umkippen und ihre spöttische Ladung freigeben könnten. Sie hat es nämlich auf die Karikierung des Trivialen abgesehen. Schon im zweiten Satz also eine selbstironische Anspielung auf Françoise Sagan, die das alles schon lange und viel besser gemacht habe, eine Seite weiter flitzt ein Cupido-Pfeil durch die Buchseiten, und als dieser endlich den Unbekannten trifft, denkt das Fräulein geschwind an Baudelaires Gedicht "Einer Vorübergehenden gewidmet" und zitiert die passenden Verse: "Dich hätte ich geliebt, dich die's erkannt".

          So weit, so witzig. In der amourösen Kurzbegegnung zwischen dem Unbekannten in der Tweedjacke und der jungen Frau, die jetzt ein bißchen nervös wird auf der Schwelle zu einer Liebesgeschichte, erkennen wir den unbändigen Willen, den Kitsch des Groschengenres zu persiflieren. Man goutiert also die Beschreibung des ersten schweigenden Spaziergangs der beiden durch die Rue Saint-Jacques als Echo auf die triviale Vorlage, quittiert nicht ohne Applaus den Einfall, daß der entflammte Held sich ausschließlich darüber das Hirn zermartert, ob die Angebetete wohl Strumpfhosen oder Strümpfe trage, eine Frage, in der er sich beim ersten Glas Wein durch das absichtliche Fallenlassen einer Serviette Gewißheit verschafft - und schaut dem wie erwartet platzenden Happy-End gefaßt entgegen. Aber reicht das?

          Das Verfahren funktioniert so lange, wie die Themen süffig sind und durch ihre grundsätzliche Leichtgewichtigkeit - oder ist es schon fast Belanglosigkeit? - eine pfiffige sprachliche Abfertigung erlauben. Das trifft etwa für die Geschichte "Klick-klack" zu, die mit dem symptomatischen Satz "Seit fünfeinhalb Monaten habe ich Lust auf Sarah Briot, die Verkaufsleiterin" einsetzt und mit einem Verführungsversuch des täppischen Helden endet, der sich im entscheidenden Moment in der Frage verrennt, wie wohl das Ikea-Bettsofa "Klickklack" aufzuklappen sei.

          Nun versucht sich Gavalda aber an den unterschiedlichsten Stoffen des Alltags. Ihre Ich-Erzähler sind bald Frauen, bald Männer, ihr Experimentierfeld sind einmal die Szenen bürgerlicher Ehen, dann wieder verjährte und verpaßte Liebschaften, vernachlässigte Jugendliche, frustrierte Altgattinnen oder hysterische Autorinnen. Sobald sich Anna Gavalda aber diesen ernsthafteren Themen zuwendet, wirkt ihr spaßiger Ton irritierend und ihr erzählerischer Zugriff unpassend. Ihre Darstellung eines "Ungewollten Schwangerschaftsabbruchs", ein Text, der die tragische Erfahrung einer Frau schildert, welche ihr Kind vorzeitig verliert, kann nicht überzeugen. Auch wenn es um ausgeleierte Ehen bürgerlicher Überanpasser geht, die im Netz ihrer wechselseitigen Berechnungen baumeln und sich gemeinsam zu Tode schweigen, versagt die Erzähltechnik dieser Autorin. Wenn sich Anna Gavalda gar sozialkritisch dem verwöhnten, vernachlässigten Nachwuchs der französischen Elite nähert, der sich in sinnlose Abenteuer verirrt (wie in "Junior"), dann bleibt kaum mehr als eine literarische Fingerübung für Fortgeschrittene.

          Anna Gavalda: "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet". Erzählungen. Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München 2002. 167 S., geb., 15,40 .

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.03.2002, Nr. 52 / Seite 56

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