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Rezension: Belletristik : Keine Scherze auf den Bergen des Herzens

  • Aktualisiert am

Haruki Murakami langt nach den Frauen und greift daneben / Von Rose-Maria Gropp

          Toru Watanabe ist ein Mann von siebenunddreißig Jahren. Er sitzt in einem Flugzeug, das gerade in Hamburg gelandet ist. Eine Instrumentalversion von "Norwegian Wood" wird als Hintergrundmusik eingespielt. Das Lied von den Beatles funktioniert für ihn offenkundig wie einst die Madeleine für Proust. In "Naokos Lächeln" geht es direkt zur Sache mit dem heiteren Literaturraten, den ungenannten und den offenen Anspielungen. "Norwegian Wood" als Erinnerungskeks: Nach diesem Wiederhören fängt der erwachsene Mann an, über sich selbst als jungen Mann in der Ichform zu schreiben. Ohne jeden Abstand tut er das; man könnte von Regression sprechen. Mit dieser Distanzlosigkeit in der Selbstbeschreibung katapultiert sich der Autor - um es vorweg zu sagen, das gesamte Buch hindurch - aus genau der erzählerischen Tradition hinaus, die er beständig, verdeckt oder direkt, zitiert.

          Das Spiel mit Buchtiteln, die den gebildeten Leser eines belesenen Autors in die Spiegelwelten der kanonischen Literatur vom Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts treiben, ist schon hübsch. Aber wo diese Texte, wie Fitzgeralds "Der große Gatsby" oder Joseph Conrads "Lord Jim", als veritable Stimmungskanonen funktionieren, die den Icherzähler auf doppelter Ebene identifikatorisch in eine Ahnenreihe hineinschießen - den jugendlichen Toru Watanabe in die Nähe der altvorderen Protagonisten, den Autor Murakami in die Nähe der Nobelpreisträger -, wird die Angelegenheit allzu durchschaubar. Denn es findet keine Vermittlung der Ebenen statt, nur Kurzschlüsse sprühen Funken.

          Es handelt sich bei "Naokos Lächeln", in Japan bereits 1997 erschienen und in Amerika im letzten Jahr, um eine Art gescheiterten Entwicklungsroman, in dem das Verhältnis zu den Frauen eine entscheidende Rolle spielt. Da ist die familiär vorbelastete und früh seelisch beschädigte Naoko, die am Dasein unter den Menschen zerbricht. Eine zentrale Passage des Buches führt Toru in eine Gebirgsgegend in das einer Landkommune ähnlich organisierte Sanatorium, das Naoko vorübergehend lebensfähig hält: Zur zerrütteten Geliebten reist Toru nicht ohne Thomas Manns "Zauberberg" im Gepäck. Da ist Midori, die früh die Härte des Lebens erfahren mußte und deren fiebrige Lebendigkeit sich in übersexualisierte Phantasien ergießt: Kein Wunder, daß Toru in einer Nacht in ihrem Haus Hermann Hesses "Unterm Rad" liest. Da ist endlich die fast zwanzig Jahre ältere Reiko, die mit Naoko im Sanatorium wohnt; ihr Leben ist von Musik bestimmt, sie allerdings scheint den "Zauberberg" zu kennen, und von Toru fühlt sie sich an - wer hätte es geahnt - Salingers Fänger im Roggen erinnert.

          Murakami stellt einleitend klar, was sein studentischer, einzelgängerischer Protagonist in jenen Jahren der von ihm verachteten Revolte zwischen 1968 und 1970 liest, als Achtzehn- bis Zwanzigjähriger - Capote, Updike, Fitzgerald, Chandler: "Allerdings sah ich nie jemand anderen auch solche Bücher lesen, weder im Seminar noch im Wohnheim." Denn "die meisten schätzten Kazumi Takahashi, Kenzaburo Oe, Yukio Mishima oder moderne französische Schriftsteller". Toru Watanabe kann schon der Duft eines einzigen Buches, die Berührung der Seiten glücklich machen. Es geht Murakami um die Unterscheidung des einzelnen von der Masse - eine wohlbekannte Attitüde. Man vermißt aus den Arsenalen des Westens den "Steppenwolf". Und unter den japanischen Autoren sollte ihm nicht wenigstens Mishima aufgefallen sein?

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