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Rezension: Belletristik Keine Angst vor der Stille

 ·  Nein, es ist kein Exil. David Albahari, 1948 in Belgrad geboren, hat sich 1994 dafür entschieden, sein Heimatland Jugoslawien zu verlassen. Seither lebt er im kanadischen Calgary. Ganz freiwillig ging er, der bis 1994 Vorsitzender der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens war, allerdings nicht dorthin. Es ...

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Nein, es ist kein Exil. David Albahari, 1948 in Belgrad geboren, hat sich 1994 dafür entschieden, sein Heimatland Jugoslawien zu verlassen. Seither lebt er im kanadischen Calgary. Ganz freiwillig ging er, der bis 1994 Vorsitzender der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens war, allerdings nicht dorthin. Es war eine Flucht vor der Zwangspolitisierung, die der Krieg und der laut tönende Nationalismus mit sich brachten. Weil Albahari sich als Internationalist verstand, wurde er dem "Feind" zugerechnet und seine Literatur nach politischen Maßstäben bewertet, die er selbst ablehnt. "Exil" wäre aber schon deshalb der falsche Begriff, weil Albahari in Serbien weiter veröffentlichen konnte. Seither führt er, wie er sagt, eine Art "Doppelleben", das darin besteht, zugleich abwesend und anwesend zu sein.

Im Ausland sucht er Zuflucht in der Muttersprache, die in der Fremde den alltäglichen Kommunikationszweck verliert und darauf beschränkt ist, Mittel des künstlerischen Ausdrucks zu sein. In Kanada machte er aber auch eine andere Erfahrung: Er muß sich nun nicht mehr gegen Ausgrenzung und politische Vereinnahmung wehren, sondern vor allem dagegen, als Autor überhaupt nicht wahrgenommen zu werden. Die Notwendigkeit politischen Engagements kommt ihm seither nicht mehr so verfehlt vor wie zuvor, als es ihm bereits als Oppositionshaltung ausgelegt wurde, wenn er darauf beharrte, unpolitisch zu sein.

"Das Leben ohne einen Ort ist ein bloßes Umherflattern", heißt es in Albaharis 1996 in Serbien erschienenem Prosatext "Stubovi kulture", der nun in der Übersetzung von Mirjana und Klaus Wittmann unter dem Titel "Mutterland" auch auf deutsch vorliegt. In Serbien wurde das Buch 1997 mit dem renommierten Nin-Preis ausgezeichnet. Es handelt sich dabei eher um eine Meditation als um einen Roman, um Reflexionen über Exil, Heimatverlust, Sprache, Geschichte, Schreiben, Erinnern, Judentum, Tod und Schuld. Ohne einen einzigen Absatz läuft der monologische Text durch, fast als käme er von einem Tonband. Ein Tonbandgerät steht auch im Zentrum des Buchs, auf dem Tisch vor dem Erzähler, der wie der Autor in Calgary lebt und aus Belgrad stammt. Zu hören ist die Stimme seiner Mutter, die er sechzehn Jahre zuvor, kurz nach dem Tod des Vaters, aufgefordert hatte, ihr Leben zu erzählen. Ihre Erinnerungen reichen vom jugoslawischen Königreich über den Krieg, der erst im neuen Krieg der neunziger Jahre als Weltkrieg bezeichnet wird, über die kommunistische Einparteienherrschaft bis zum Zerfall des Landes. Ihr erster, jüdischer Ehemann wurde von den Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Die Kinder aus dieser Ehe verlor sie durch einen Eisenbahnunfall. Mit stoischer Gelassenheit und vor der Brust verschränkten Armen berichtet sie von diesen Schicksalsschlägen und beantwortet die Fragen des Sohnes. Doch bei den Kämpfen und Vertreibungen in Bosnien ist ihre Kraft erschöpft. Dem Erzähler in der fernen neuen Welt bleibt nur die Aufzeichnung ihrer Stimme als Gruß aus dem Totenreich.

Zum ersten Mal hört der Erzähler die Bänder ab, hört nach zwei Jahren in Kanada wieder seine Muttersprache, und das im doppelten Wortsinn. Die Sätze der Mutter, zögerlich, fast ein bißchen unwillig vorgetragen, sind unterlegt vom Quietschen des Tonbandgerätes. Die Fragilität der Technik als Erinnerungskörper entspricht der Brüchigkeit des Lebens, wie es aus der Erinnerung entsteht. Das Band und die quietschende Spule taugen sogar als Metapher für Körper und Seele - und für die Unausweichlichkeit, mit der die Zeit abläuft. Der Erzähler ist überzeugt davon, daß es Kräfte gibt, "die den Menschen an seinen Wendepunkten festhalten, an denen die Seele ihre Kraft einbüßt. Danach ist das Leben nur noch ein Abspulen, bis der Faden zu Ende ist, sich spannt, und die Seele - man kann es nicht anders ausdrücken - aus ihrer schäbig gewordenen Bleibe herausreißt."

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.06.2002, Nr. 136 / Seite 62
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