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Veröffentlicht: 21.10.2000, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Kein Himmel auf Erden

Trübe Aussichten: Michel Houellebecqs Erzählung "Lanzarote"

Man wird ihn einen traurigen Chronisten nennen dürfen, einen Chronisten aus Not und einen Chronisten der Not. Michel Houellebecq wäre wahrscheinlich ein ganz glücklicher Mensch geworden, wenn er irgendwo auf dieser durch Hochhäuser verstellten Welt ein romantisches Nest für seine einsame wunde Seele gefunden hätte. Das hat er aber nicht, und weil er alle romantischen Hoffnungen darauf in einer Umgebung fahrenlassen mußte, in der man sich, auch wenn man ein Nomade ist, in vier Wänden einrichten muß, um zu überleben, zahlt er es dieser grauen Welt heim.

Das ist die Rache des Enttäuschten. Der schreckliche und schöne Schein der Zivilisation flackert in den westlichen Großstädten und straft alle, die hineinsehen, mit Blindheit. Das durchschnittliche Leben verläppert sich zwischen trügerischem Genuß und fataler Lust: Michel Houellebecq aber würde lieber allen romantischen blauen Blumen dieser Welt ein Loblied singen, wenn es noch einen Platz in der Gosse der Triebe und den ausgetretenen Wegen der dumpfen Interessen für sie gäbe. Den aber gibt es ein für allemal nicht mehr.

Daß einer von diesem schwarzen Ausblick einmal Urlaub machen möchte, daß er wegwill und ihn auch noch die Angst vor einem todtraurigen Weihnachtsfest, selbstverständlich mutterseelenallein unterm nicht geschmückten Baum dahingebracht, in die Ferne hinausstachelt - das liegt auf der Hand aller Alleinlebenden, die nichts so sehr fürchten, als traditionelle Familienfeste einsam zu verheulen und zu versaufen, während die anderen im Kreis fröhlich bechern und jubeln. "Lanzarote" heißt die neue Erzählung des französischen Erfolgsschriftstellers, der von der fernen Insel auch Fotografien machte und mitbrachte - zu einem besonderen Bändchen zusammengestellt und der Erzählung beigegeben. Wohin sollte man schon über Weihnachten fliegen, wenn man nur über ein durchschnittliches Gehalt verfügt, das einem keine großen Sprünge zwischendurch erlaubt?

Lanzarote gehört zu den beliebten touristischen Zielen. Ein Tourist ist nicht nur der Held in dieser Erzählung, sondern auch Michel Houellebecq selbst in dieser maroden und kaputten Welt. Touristischen Zielen entsprechen touristische erdballumspannende Vorstellungen. Dem Tourismus als Welthaltung kommen die Vorurteile dieser neuen Kolonialisten entgegen: Der in fremden Ländern getrübte Blick unterscheidet blitzlichtschnell zwischen "dem" Norweger, "dem" Franzosen und "dem" Engländer. Der Nationalismus der Vorurteile ist die Kehrseite des Imperialismus, den der schlappentragende Tourist begründet.

Die festtägliche Weltläufigkeit geht Hand in Hand mit der gedanklichen Provinzialität der "Weihnachtsmänner" und "Weihnachtsfrauen", die sich auch auf Lanzarote von ihresgleichen mit ihresgleichen beschenken lassen möchten. Houellebecqs Held richtet sich auf einen einigermaßen erträglichen Aufenthalt auf einer Insel ein, die ihre Fangarme um die tumben Touristen schlägt. Er lernt zwei deutsche Frauen kennen und einen belgischen Polizisten.

Es kommt, wie es kommen mußte - das ist Houellebecqs Rache an der Welt: Der Held liegt in den Armen der beiden Deutschen, mal am Strand, mal im Bett, und die beiden Frauen, die sich im Grunde selbst genug sind, möchten den Franzosen gerne zu einer Zeugung ohne Vaterschaft überreden. Im Sex mit den beiden Lesben schimmert dem Helden ein wenig der Himmel der Erlösung von allen Übeln dieser Welt durch. Der Belgier aber steht daneben und schweigt linkisch. In Lanzarote tritt der von Frau und Kind verlassene Angehörige einer Nation, die durch Skandale mächtig ins Gerede gekommen ist, schließlich einer Sekte bei, die, auf gutem Fuß mit den neuesten Erkenntnissen der Biotechnologie, hausieren geht und ihren Mitgliedern verspricht, aus entnommenen Hautproben ihnen das ewige Leben zu schenken. Auch das Gedächtnis soll "eingefroren" und der nichtsahnenden Nachwelt überliefert werden.

Dem belgischen Polizisten könnte auch die fernste Zukunft nicht mehr entkommen, wenn die Sekte nicht wegen Kindsmißbrauchs angeklagt würde. Die Medien umschwärmen die Nachrichten aus dem Pfuhl der Gegenwart. Der in die französische Großstadt zurückgekehrte Held nimmt's zur Kenntnis und liebäugelt mit dem Gedanken, demnächst doch noch einmal die Wohnung zu wechseln, näher an der Nationalversammlung sein Zelt aufzuschlagen, da die Dealer im Vormarsch sind und sein Viertel schon in Besitz nehmen.

Michel Houellebecqs Erzählung weist alle Stichworte auf, an denen sich das öffentliche Interesse flackernd entzündet: Samenspende, Biotechnologie, Klonen, Skandal in Belgien, Kindsmißbrauch. Hätte seine Erzählung ein Register, man könnte auf einen Blick hier sehen, daß Houellebecqs Rachezug gegen den Sumpf der Gegenwart, der nicht mit Furor geführt, sondern mit den traurigen Augen eines geschlagenen und verlassenen Kindes betrachtet wird, eine kleine chronique scandaleuse sein möchte. Man braucht, in den trüben Dinosaurieraugen Houellebecqs, nur noch die Länge einer Erzählung, die Größe eines Taschenspiegels für diese vermurkste Welt.

EBERHARD RATHGEB.

Michel Houellebecq: "Lanzarote". Erzählung. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. DuMont Verlag, Köln 2000. Textband: 77 S., br., Fotoband: 80 S., Abb., br.. zusammen 49,90 DM.

Lanzarote

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.10.2000, Nr. 245 / Seite 42

 

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