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Rezension: Belletristik : Kalte Hand, vom Bauch geholt

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Schwüles Stimmengeriesel: Assia Djebars "Straßburger Nächte"

          Ein Paar, frisch entflammt, trifft sich zur zweiten gemeinsamen Nacht im Hotelzimmer. Die Frau hat sich ihrer Hüllen schon entledigt, der Mann fährt im Dunkeln aus den Kleidern und zu ihr unter die Bettdecke, alle Zeichen stehen auf Leidenschaft. Da sagt sie: "Nachdem du das Licht ausgemacht hast, was ich schade finde, will ich dich berühren und mir Zeit nehmen, will dich so wieder kennenlernen." Die Szene spielt, was wir bemerkenswert finden, im Jahre 1989. Wer sich fragt, warum die Dame den Herrn nicht auch noch siezt, braucht nur bis zum Morgen nach der dritten Nacht weiterzulesen: "Nachdem ich Ihnen meine Begierden und Phantasien eingestanden habe, auf die Gefahr hin, als sexbesessen zu erscheinen, reicht das für den Augenblick! Ich möchte jetzt nur keusch in Ihren Armen liegen . . ." Dazwischen freilich ist man ausgiebig zur Sache gegangen, hat gemeinsam in das "riesige, undurchdringliche Auge der fortdauernden Lust" geblickt. Es ist schwer zu entscheiden, was mehr zur unfreiwilligen Komik dieser "Nächte in Straßburg" beiträgt, die verbale Umstandskrämerei der Kopulierenden oder der erotische Schwulst, der an zitierfähigen Stellen solche Blüten treibt: "Dann entlädt sich die Woge, die süße Grausamkeit, auf der Schneide einer heftigen Ungeduld."

          Dabei geht es der algerischen Schriftstellerin und Historikerin Assia Djebar, vom Verlag als "bedeutendste Autorin des Maghreb" gepriesen, um ernste Dinge: menschliche Begegnungen, die von der Erinnerung an Krieg, Vertreibung und Migration überschattet sind, Liebe und Freundschaft im Zeichen der Vergangenheitsbewältigung. Die junge Algerierin Thelja, die Mann und Kind verlassen hat und als Doktorandin der Kunstgeschichte in Paris weilt, verliebt sich in den fünfundzwanzig Jahre älteren Elsässer François, obwohl es ihrer politischen Überzeugung widerspricht, sich mit einem Franzosen einzulassen. Die Affäre liegt für sie in einer "Verbotszone, sozusagen auf feindlichem Territorium", ebenso wie die Liaison ihrer in Straßburg lebenden Jugendgefährtin, der jüdisch-algerischen Fotografin Eve, mit dem blonden Hans aus Heidelberg.

          François hat als Kind die Evakuierung Straßburgs nach der deutschen Kriegserklärung miterlebt, also auch sein Päcklein zu tragen. Neun Nächte, die Thelja mit ihm in seiner Heimatstadt verbringt, sollen einerseits der Sinnenfreude, andererseits der Selbsterforschung und der Völkerverständigung dienen; die dazugehörigen Tage sind dem Erfahrungsaustausch mit der Freundin und der historischen Spurensuche rund um das Straßburger Münster gewidmet. Mit diesem Programm ist die Wüstentochter, deren Name "Schnee" bedeutet, nicht weniger überfordert als die Autorin, die in dem geschwätzigen Prosawerk nicht nur ihr lokalgeschichtliches Wissen von Karl dem Kahlen bis zur Leclerc-Division unterbringt, sondern auch noch das Sexualleben der schwangeren Eve, die Mutterbeziehung des verwitweten François, Exkurse über die Befruchtung von Dattelpalmen und eine buchmalende Klosterfrau, Eindrücke von einer "Antigone"-Inszenierung mit Jugendlichen aus dem Maghreb sowie die Schicksale diverser Nebenfiguren.

          Allein der Prolog, der die Räumung Straßburgs im September 1939, den Flüchtlingszug und die beklemmende Atmosphäre in der verlassenen Stadt schildert, lässt ahnen, dass Assia Djebar erzählerische Qualitäten besitzt. Was die folgenden neun Kapitel an schwülem Bettgerangel, brettsteifen Dialogen, linkischen Perspektivwechseln und bemühten Lyrismen ("ihre Stimme rieselt im durchscheinenden Schatten wie zerbrochenes Glas") zu bieten haben, kann Unduldsame leicht auf die Palme bringen. Die Übersetzerin, laut Nachspann zweisprachig aufgewachsen, darf zahlreiche Stildatteln für sich verbuchen, unter denen "Er holt seine etwas kalte Hand von ihrem Bauch" noch eine der harmloseren ist. "Und sie schreit fast, ächzt aber zumindest", heißt es im Protokoll der nämlichen Nacht, "Frankreich, liegt allein in diesem Wort mein Leiden?" Schreien oder ächzen, das ist hier die Frage. Frankreich, mag es Algerien als Kolonialmacht auch übel mitgespielt haben, kann in diesem Fall nichts dafür.

          KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Assia Djebar: "Straßburger Nächte". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Beate Thill. Unionsverlag, Zürich 1999. 290 S., geb., 38,- DM.

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