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Samstag, 11. Februar 2012
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Rezension: Belletristik Jörg Fauser: Rohstoff

17.03.2002 ·  Das Leben ist immer da. Hier ist es und hier und hier. Der Rohstoff, das Leben, die Wirklichkeit. Muß nur abgeschrieben werden. Präzise, schnell, schnörkellos. Lebensmitschrift, Wirklichkeitserfassung, ganz unten, authentisch, ehrlich, ich. Mein Erleben, meine Welt.Jörg Fauser war vierzig Jahre alt, als sein autobiografischer Roman "Rohstoff" erschien.

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Das Leben ist immer da. Hier ist es und hier und hier. Der Rohstoff, das Leben, die Wirklichkeit. Muß nur abgeschrieben werden. Präzise, schnell, schnörkellos. Lebensmitschrift, Wirklichkeitserfassung, ganz unten, authentisch, ehrlich, ich. Mein Erleben, meine Welt.

Jörg Fauser war vierzig Jahre alt, als sein autobiografischer Roman "Rohstoff" erschien. Ein früher Lebenszeitpunkt scheinbar für eine Autobiografie. Es könnte doch noch was passieren, im Leben? Doch es passierte nicht mehr viel. Drei Jahre später war Jörg Fauser tot, überfahren von einem Lkw, als er in der Nacht nach seinem Geburtstag zu Fuß betrunken auf der Autobahn umherirrte.

Gut, daß er es vorher aufgeschrieben hat, sein Leben, in diesem großen Buch über sein alter ego, Harry Gelb. Alles selbst erlebt, selbst gelebt, den unendlichen Drogenrausch am Bosporus, die Selbstheilung nach Burroughs-Vorbild mit der Anti-Droge Apomorphin. Und die Reise dann zurück nach Frankfurt, ins "Milieu", in die Heimat. "Da wo Milieu ist, ist Heimat." Die Gründung der Untergrundzeitschrift "Zero", die alle, jawohl alle etablierten Zeitschriften überflüssig machen wird (bis sie nach der zweiten Nummer eingestellt werden muß).

Das Leben als Anarchist in den Kommunen von Berlin. Und der Haß, der Haß auf das Kultur-Establishment, die ganze lebensverdrängende, wirkliche westdeutsche Gegenwart von 1968: "dieser deutsche Brei, diese klebrige Soße, die sie mit ihrer Kulturproduktion servierten, und diese Soße schmeckte so schlecht, weil sie zubereitet war aus den Rückständen politischer Krankheiten, aus den überlebten Doktrinen des Jahrhunderts, und angereichert mit den politischen Modebegriffen der jeweiligen Saison".

Weg damit. Weit weg. Wo ist die Gegen-Gegenwart, das große Andere, das Lebenswerte, das Leben? Harry Gelb hatte eine "fatale Neigung zum Gewöhnlichen", zum Stehbierausschank, zu den Frauen, zu den Frauen, zu den Frauen, zur schnellen Befriedigung, zum Alkohol, zum Rausch. Und zum rauschhaften Schreiben manchmal: "Der Satz hört ja gar nicht mehr auf", klagt sein Freund Ede, als Harry Gelb ihm aus seinem neuen Roman vorliest. Jaja, sagt Harry stolz, "hier handelt es sich um einen Bewußtseinsstrom à la Joyce. Schon mal Ulysses gelesen?" Aber Ede weiß: "Ich glaube, das liegt eher am Desoxyn. Du weißt doch, wie Speed funktioniert - du fängst einen Satz an, dann kommst du vom Hundertsten ins Tausendste." Ede hat wohl recht. Der Suhrkamp Verlag, an den Harry seinen Roman schickte, lehnt ihn ab. Doch "Rohstoff" erscheint.

Als roher Stoff, unbehauen, unverstellt, echt. Leben ist Erleben. Leben ist Schreiben. Wann vorher, wann nachher hat ein Schriftsteller eine ähnlich euphorische Wirklichkeits-, eine ähnlich existentielle Schreibposition vertreten? "Ich bin kein netter Mensch, sondern ein Schriftsteller, einer der Dunkelmänner also, die beim ältesten Verfassungsschutz der Welt angestellt sind, beim Verfassungsschutz für Sprache und Zweifel."

Es geht um alles. Es geht um Rettung, geht um Wahrheit, um Enttarnung und Moral. Deshalb hat Jörg Fauser meistens Kriminalromane geschrieben. Weil hier mehr "Wirklichkeit" vorkommt, weil hier Gut und Böse klar geschieden sind, weil man Machtmechanismen aufdecken kann: "Das ist moralische Literatur, wie ich sie meine", Literatur, die die Frage stellt "Was ist in der Gesellschaft wirklich los?" Dazu gehört nicht viel Schreibkunst. Nur Ehrlichkeit.

Und ehrlich schrieb man am besten über sich selbst: "Ehrlich schreiben konnte man doch nur über das, was man selbst aus erster Hand erfahren oder erlebt hat, die Technik kam dann schon, wenn man es nur ernsthaft genug mit dem Schreiben versuchte."

Erste Pflicht ist also: Ehrlichkeit. Die zweite: Unterhaltsamkeit. "Ich bin für die Unterhaltung zuständig", sagt Fauser und hält den einsamen, ungelesenen Autor für eine lächerliche, unsinnige Figur.

Unterhaltung muß sein, Erfolg muß sein, Schreiben muß sein. Als Rettung, als einen der Wege, die man gehen kann. Vielleicht den besten: "Andere hatten Muskeln oder Moneten oder hübsche Ärsche, um in der Hölle zurechtzukommen. Schriftsteller hatten ihre Mythen. Dachte ich."

vw

Quelle: 17.03.2002, Nr. 11 / Seite 23
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