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Rezension: Belletristik : Jenny Erpenbeck: Geschichte vom alten Kind

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Kein Witz. Nicht mal Ironie. Überhaupt nicht cool, und vor allem ohne Barbour-Jacke - also eigentlich vollends aus der Zeit gefallen, läßt Jenny Erpenbeck 1999 ihr "altes Kind" mit seiner Geschichte aufmarschieren. Dabei ist die Autorin damals 32 und aus Berlin. Aus Berlin! Aber kein Wort von Clubs ...

          Kein Witz. Nicht mal Ironie. Überhaupt nicht cool, und vor allem ohne Barbour-Jacke - also eigentlich vollends aus der Zeit gefallen, läßt Jenny Erpenbeck 1999 ihr "altes Kind" mit seiner Geschichte aufmarschieren. Dabei ist die Autorin damals 32 und aus Berlin. Aus Berlin! Aber kein Wort von Clubs oder Szene, während doch alle zu dem Zeitpunkt witzig und ironisch und cool und voll von Musik und/oder Drogen durch ihre selbstgeschriebenen Clubszenen hasten, darunter so viele Frauen, daß sich der "Spiegel" ein Fräuleinwunder in die Augen reibt. Und dazwischen steht plötzlich völlig verloren Erpenbecks Mädchen mit einem leeren Eimer in der Hand herum. Irgendwo, irgendwann auf einer Geschäftsstraße. Es ist zu dick und zu groß geraten und sagt der Polizei nur, daß es vierzehn sei, mehr wisse es nicht. Es kann nichts, weiß nichts, also kriegt es eine Uniform. Die eines Kinderheimes. Es, das Mädchen, das Neutrum. Es bricht da ein, wo andere immer nur rauswollen, in ein umzäuntes Gebiet, und es hofft, daß es niemand "zurückreißt ins Leben". Es sinkt dort "wie ein bleiernder Bodensatz auf den Grund der Ordnung". Denn: "Der unterste Platz der Hierarchie ist immer der sicherste." Es will sich an Kämpfen um die oberen Plätze nicht beteiligen und verweigert jede Entwicklung, jedes Fortkommen, das Erwachsenwerden. Mit Kaspar Hauser und Oskar Matzerath ist das Mädchen nur fern verwandt, mit Melvilles Bartleby schon näher. Es ist ein Experiment der Auslöschung des Ichs und der Zeit im Elysium einer totalitären Unschuld. Und Erpenbeck beschreibt das mit ernsten, manchmal lakonischen, immer konzentrierten Sätzen, in einer Tonlage zwischen Novelle und Märchen; sie beobachtet kühl aus halber Distanz, wie dieser Fremdkörper in den Kollektivkörper eindringt und welche Reaktionen das gibt. Mitunter spricht auch das Mädchen selbst, hat seltsame Erinnerungen an das Jetzt oder wundert sich, daß "diese schönen Kinder die Tür vor mir" zuschlagen. Das Experiment ist heikel, die Strategien der Anpassung führen auch zu Adhäsionen. Das Mädchen schreibt seltsame belehrende Briefe "An Mich". Der letzte lautet: "Für mich bist du gestorben. Viele Grüße - Deine Mama." Eine frohe Botschaft. Aber als es gerade glücken will, als das Mädchen sich so leer gemacht hat, daß es von seinem neuen Leben gefüllt werden kann, als es endlich wirklich zu den anderen gehört, versagt ihr unförmiger, freßsüchtiger Körper den Dienst. Auf dem Krankenbett magert er ab, und aus dem Mädchen schält sich in einer schamhaften Entpuppung eine dreißigjährige Frau.

          Ein Ende mit Schrecken, wo es vorher schon alles beklemmend war. Und das beklemmendste kommt nach dem Ende: die Fragen an diesen Text, der seine Meinung zur DDR einfach nicht preisgeben will, der sich fast ebenso in sich selbst verschließt, wie seine Protagonistin - der aber trotzdem demonstrativ erzählt, daß das Kinderheim in Dresden steht, Sprelacardtische beherbergt und Kinder, die so republikflüchtige Namen wie Babette, Maik, Nicole oder Mandy tragen sowie Brechts Puntila lesen müssen. Als politische Schicksalsparabel läßt sich dieses Buch lesen, als Parabel auf die DDR und die Lebensstrategien ihrer Bewohner, als Parabel auf den Untergang der DDR und die Nachwendesehnsüchte vieler Ostdeutscher. Aber das geht nie völlig auf. Und wenn das ohnehin so ist, so vage, dann funktioniert es vielleicht auch umgedreht: als eine Parabel auf die Einheit, auf den Versuch einzutauchen in die vergleichsweise infantile Welt Westdeutschlands, in jene Spielzone, die selbst von sich sagt, daß ihre Pole Pelikan und Geha heißen; eine Welt, in der das biografische Alter von Ostdeutschen der Generation Erpenbecks so hoch und faltig erscheint, daß sie es vor Betreten abstreifen müssen, um mitspielen zu dürfen. Wie auch immer. Man kann "Die Geschichte vom alten Kind" als literarischen Nullpunkt verstehen, den sich Erpenbeck freigeräumt hat, um sich fulminant aus dem Schatten der Schriftstellerdynastie herauszuschreiben, der sie entstammt. Oder als den Punkt, auf dem 1999 inmitten einer überhitzten Debütantenszene eine Debütantin steht und sich trotzig, wie das alte Kind, abwendet von dem Leben, das die anderen so gierig in ihre Texte saugen - hin zu Brecht und Kafka, zum Beginn einer jungen Literaturliteratur. Man kann vieles mit diesem schmalen Buch machen. Nur so leicht wieder vergessen kann man es nicht.

          ripe

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