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Rezension: Belletristik : Jakob Arjouni: Happy Birthday, Türke!

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Vielversprechend war das nicht. Weder die Traxler-Zeichnung auf dem Cover noch das klassische schwarzgelbe Design, bei dem jeder an Chandler, Hammett, Highsmith denkt. Wer sollte diese Hypothek abstottern? Noch ein Marlowe-Spade-Epigone, der ausgerechnet in Frankfurt am Main praktiziert, erfunden von ...

          Vielversprechend war das nicht. Weder die Traxler-Zeichnung auf dem Cover noch das klassische schwarzgelbe Design, bei dem jeder an Chandler, Hammett, Highsmith denkt. Wer sollte diese Hypothek abstottern? Noch ein Marlowe-Spade-Epigone, der ausgerechnet in Frankfurt am Main praktiziert, erfunden von einem 23jährigen Nobody? Nicht jeder, der eine Büroflasche im Schreibtisch stehen hat, ist schon ein Melancholiker, und wer sich in der Bundesrepublik ein Schild "Private Ermittlungen" an die Tür hängt, muß ein lausiger Komiker sein. Und dann noch ein am Main aufgewachsener Türke mit deutschem Paß! Wenn es auch 1987 den Begriff "politisch-korrekt" noch nicht gab, das Phänomen war längst penetrant genug. Kemal Kayankaya aber, der da auf der ersten Seite mit einem gewaltigen Kater aufwachte, unterlief diese Erwartungen wie die rechte Gerade eines üblen Schlägers. ",Ähm . . .', ich überlegte, ,suchen Sie mich privat oder als Detektiv auf?' ,Oder als Privatdetektiv', dachte ich, aber selbst gutwillige Menschen hätte man dazu kitzeln müssen."

          Kayankaya ist, was man im Amerikanischen "streetwise" nennt. Kalauer und Sottise hat er schneller zur Hand als die Parabellum. Das Frankfurt, das er durchstreift, gibt es heute nicht mehr, und so, wie es Jakob Arjouni zeichnete, hat es diese Stadt auch nie gegeben. Ein paar harte Striche, die das Bahnhofs-Bordell-Milieu konturieren, ein bißchen Mundart und viel Provinz, alles im Visier einer enormen Spottlust. Der Plot ist nicht das Ziel. Er ist nur ein Gerüst, das tragen muß. Was zählt, ist Kayankayas künstlicher kleiner Kosmos, der mit jeder Seite lebendiger wird - wie unverschämt gut das funktioniert, begriff mancher erst, als Doris Dörrie den Roman 1991 verfilmte. Spätestens da war klar, daß Realismus eben nicht alles ist, als sich das fotografierte Frankfurt von dem bei Arjouni beschriebenen immer weiter entfernte. Kayankaya wird von einer Türkin engagiert, um den Tod ihres Ehemannes aufzuklären, der im Bahnhofsviertel erstochen wurde. Kayankaya kann kein Wort türkisch, weil seine Eltern starben, als er noch ein Baby war - ein Adoptivkind, den Türken ein Deutscher, den Deutschen ein Türke. Sein Verhältnis zur Polizei ist notorisch gespannt, und er hat die Nehmerqualitäten eines Detektivs, der für seine große Klappe immer wieder eins auf dieselbe bekommt. Wie er den Rassismus pariert, der natürlich überall lauert, das hat einen Witz, der damals, in den Zeiten vor Harald Schmidt, weit und breit nicht zu finden war. Packer bei der Post, Behördenkretins, zweitklassige Luden, hessische Trinkhallenkundschaft - meist reichen ein, zwei Sätze, ein Dialog, die niemanden verschonen.

          Jakob Arjouni hat nach seinem Doppeldebüt - im selben Jahr erschien auch "Mehr Bier" - dem Druck widerstanden. Er hat zwar bis heute zwei weitere "Kayankayas" nachgelegt, doch sie wirkten nie wie die verquälte Variation einer Erfolgsformel. Unter den Kommissaren, den feministisch oder ökologisch angehauchten Verbrechensaufklärern jener Jahre stand dieser Kayankaya einsam da - und steht es immer noch. Er ist auch weniger ein Imitat, eine fingerfertige Übersetzungsübung. Arjouni hat die Mythologie des Privatdetektivs geplündert, und er hat ohne falsche Ehrfurcht die Elemente benutzt, die er braucht. Und wo die unfreiwillige Parodie droht, setzt er einfach noch eins drauf, bis es wieder stimmt. Arjouni ist außer Jörg Fauser der einzige, der eine hierzulande anämische Gattung von den Heimwerkereien des Fernsehens wie des Urlaubskrimis emanzipiert hat. 15 Jahre später ist das klassische Schwarzgelb der Diogenes-Reihe ganz selbstverständlich auch zu Jakob Arjounis Farbe geworden.

          pek

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