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Rezension: Belletristik : Im Teich der Sinne

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Wie hat man sich die "reine Liebe zwischen einem jungen Mädchen und einem alten Mann, den Gipfel der Erotik", vorzustellen? Mit diesen Worten wird die japanische Ausgabe des Romans "Hotel Iris" der japanischen Autorin Yôko Ogawa eingeführt, der 1996 erschien und der nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

          Wie hat man sich die "reine Liebe zwischen einem jungen Mädchen und einem alten Mann, den Gipfel der Erotik", vorzustellen? Mit diesen Worten wird die japanische Ausgabe des Romans "Hotel Iris" der japanischen Autorin Yôko Ogawa eingeführt, der 1996 erschien und der nun in einer deutschen Übersetzung vorliegt. In "Hotel Iris" machen wir Bekanntschaft mit einer Siebzehnjährigen namens Mari, die als Mädchen für alles im heruntergekommenen Hotel ihrer Mutter in einem Badeort an der Küste beschäftigt ist. Wenn sie nicht am Empfang sitzt, bereitet sie das Frühstück für die Gäste vor, macht Rechnungen fertig und hilft in Küche und Speisesaal aus.

          Ihre herrische Mutter, die sie immer noch täglich mit geradezu sadistischer Genugtuung frisiert, indem sie ihr Haar zu einem straffen Knoten bindet, hat sie nach dem Tod des krebskranken Großvaters vor zwei Jahren von der Schule genommen. So ist Mari Gefangene im eigenen Haus, ohne Kontakte zu Gleichaltrigen und ohne Abwechslung außer den nichtssagenden Begegnungen mit Hotelgästen und deren Ansprüchen. Mehr als einmal ist sie schon Opfer sexueller Übergriffe geworden, bei denen die Mutter sich stets auf die Seite der männlichen Gäste stellte, allenfalls bestrebt, für ihre hübsche Tochter noch ein zusätzliches Trinkgeld als "Entschädigung" einzufordern.

          In diesem trostlosen Alltagseinerlei macht Mari Bekanntschaft mit einem Hotelgast, der wegen sadistischer Neigungen, denen er mit einer Prostituierten nachging, aufgefallen war. Instinktiv fühlt sie sich von diesem älteren Mann angezogen und geht ihm durch die Straßen nach. Der Mann, ein Russisch-Übersetzer, der sich auf einer nahegelegenen, fast unbewohnten Insel eingemietet hat, durchschaut sie auf der Stelle und nimmt sie mit in seine Wohnung, wo beide ihre Neigungen gründlich ausleben. Die junge Frau, die für ihr Stelldichein stets neue Vorwände und Ausreden erfinden muß, um sich vom Hotel entfernen zu dürfen, lebt nur noch, um die Wünsche des Mannes zu erfüllen und seinen Befehlen zu gehorchen.

          Nun ist das Problem mit dieser Erzählung, daß sie ausschließlich aus der Perspektive einer unerfahrenen und nicht sehr beobachtungsscharfen und wortgewandten jungen Frau geschildert wird. Sie reflektiert nicht und motiviert weder ihre Neigung noch das Ende der Geschichte. Ärgerlich sind dabei die vielen Unwahrscheinlichkeiten und merkwürdigen Zeitfolgen, die kitschigen Schilderungen von "wehrlosen, nach unten hängenden Brüsten" und der Versuch, Parallelen zu dem übersetzten russischen Roman zu suggerieren, einem ziemlich unerträglichen Melodram von einer jungen Frau, die sich in ihren Reitlehrer verliebte. Das alles klingt entschieden mehr nach der populären Takarazuka-Frauenrevue oder Kleinmädchen-Manga als nach Literatur.

          Genug der Andeutungen zu diesem verunglückten Machwerk, das schlimm endet. Triviales gibt es in Deutschland wie in jedem anderen Land auch. Importierte Trivialität hat vielleicht immer noch ein gewisses exotisches Odium. Immerhin sollten wir inzwischen schon genug kennen, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

          IRMELA HIJIYA-KIRSCHNEREIT.

          Yôko Ogawa: "Hotel Iris". Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. Liebeskind Verlagsbuchhandlung, München 2001. 224 S., geb., 18,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2002, Nr. 109 / Seite 44

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