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Rezension: Belletristik Im Rausch der Rebellion

Fattaneh Haj Seyed Javadis "Der Morgen der Trunkenheit"

Wie behandelt eine Autorin in der Islamischen Republik Iran das Thema Liebe, wenn sie keinen Anstoß erregen und trotzdem die Gemüter bewegen will? Kein Buch zeigt dies besser als der nun in deutscher Übersetzung vorliegende persische Bestsellerroman "Der Morgen der Trunkenheit" (1995) von Fattaneh Haj Seyed Javadi, einer der bestverkauften und umstrittensten Romane Irans der vergangenen Jahre. Außergewöhnlich an diesem Streit ist das Meinungsspektrum: Einerseits versucht man, das Buch als bedeutungslosen Trivialroman abzutun, andererseits wird seine Autorin mit den großen Romanciers Europas verglichen oder in die Tradition orientalischen Erzählens gestellt.

Die Diskussion beleuchtet gegenwärtige literarische Entwicklungen und reflektiert die von den meisten iranischen Literaten vertretene Einstellung, nach der man sich als Intellektueller scheut, zuzugeben, man werde von einem gut erzählten Roman berührt, der "moderne" Klischees meidet. Ferner bringt sie das bis heute - die persische Prosaliteratur bestimmende - Selbstverständnis des Schriftstellers als Mentor des Volkes zum Ausdruck. Vor diesem Hintergrund scheint es, als habe Haj Seyed Javadi ihren Roman bewußt gegen die Intellektuellen geschrieben, indem sie sich über bestimmte Regeln hinweggesetzt hat. Sie schreibt in einer einfachen und gefühlvollen Sprache und zeichnet ein volksnahes farbenreiches Bild der iranischen Gesellschaft. Statt in ihrem Roman das einfache Volk zu verteidigen, unterwirft sie die Handlung der Perspektive einer Aristokratentochter.

Im Teheran der dreißiger Jahre verliebt sich die fünfzehnjährige Aristokratentochter Mahbube unsterblich in den Tischlergesellen Rahim. Sie trotzt damit dem Willen ihrer Eltern, die für sie eine standesgemäße Heirat vorsehen, und lehnt den Sohn einer Prinzenfamilie ebenso ab wie ihren Cousin Mansur, der in sie verliebt ist. Obwohl ihre Eltern dagegen sind, stimmen sie schließlich der Heirat mit dem Tischlergesellen zu. Bereits nach kurzer Zeit muß Mahbube erkennen, daß ihre leidenschaftliche Liebe nicht den Anforderungen des Ehealltags in dem ärmlichen Kleinbürgermilieu standhalten kann. Die Auseinandersetzungen mit ihrem Ehemann und mit der im Haus lebenden Schwiegermutter eskalieren, als Rahim seine Cousine zur Zweitfrau nimmt. Nur ihr Sohn Almas hält sie noch bei ihm. Sie wird ein weiteres Mal schwanger, doch das gewaltsame, einer Vergewaltigung gleichkommende Verhalten Rahims läßt sie den Entschluß zur heimlichen Abtreibung des Kindes fassen. Nach dem Tod ihres inzwischen fünfjährigen Sohnes flieht sie, kehrt zu ihren Eltern zurück und wird schließlich Nebenfrau ihres Cousins Mansur. Fast vierzig Jahre später erzählt Mahbube im heutigen Teheran ihrer Nichte, die sich ebenfalls in den Kopf gesetzt hat, einen Mann mit einem anderen kulturellen Hintergrund zu heiraten, ihre Geschichte und warnt sie mit dem titelgebenden Vers "Der nächtliche Wein lohnt nicht den Morgen nach dem Rausch" vor einer unüberlegten Entscheidung.

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Veröffentlicht: 15.11.2000, 12:00 Uhr