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Rezension: Belletristik : Ich möchte lieber nicht

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Wer mit dem Vorsatz, sich einen Roman zu kaufen, in die Buchhandlung ginge und sich für das vorliegende Buch entschiede, weil nun einmal "Roman" darauf steht, wäre womöglich enttäuscht. Schon wahr, ein Roman ist heute vieles, vom kühnen avantgardistischen Experiment bis zur Stapelware am Bahnhofskiosk.

          Wer mit dem Vorsatz, sich einen Roman zu kaufen, in die Buchhandlung ginge und sich für das vorliegende Buch entschiede, weil nun einmal "Roman" darauf steht, wäre womöglich enttäuscht. Schon wahr, ein Roman ist heute vieles, vom kühnen avantgardistischen Experiment bis zur Stapelware am Bahnhofskiosk. Sagen wir es also genauer: Als "Roman" ist das Buch "Bartleby & Co." des spanischen Schriftstellers Enrique Vila-Matas, geboren 1948 in Barcelona, nur eine bescheidene Übung, die so wenige wahrhaft romaneske Seiten füllt, daß sich die Bezeichnung fast verbietet. Interesse dagegen verdient das Buch als literarischer und literaturkritischer Essay (der neunzig Prozent des Gesamttextes ausmacht), als Gang durch eine Galerie künstlerischer Sonderlinge.

          Ein Ich-Erzähler meldet sich zu Wort und gibt sich auf der ersten Seite als Bartleby zu erkennen. So nennt er sich in Anspielung auf Melvilles berühmte Erzählung von 1853 über den Schreiber Bartleby, der sich mit der stereotypen Wendung "Ich möchte lieber nicht" allen Anforderungen, die sein Arbeitgeber an ihn stellt, entzieht und zum furchterregend konsequenten Handlungsverweigerer wird. Dadurch, daß es für dieses Verhalten keine Erklärung gibt, wirkt Bartleby erst schrullig, dann aufsässig und schließlich im metaphysischen Sinn verloren. Der Held von Vila-Matas' Buch - ein Mann mit Buckel, der in einem häßlichen Büro arbeitet und kein Glück bei den Frauen hat - entlehnt nun den Akt der Schreibverweigerung als Modell, um unter dem Sammelnamen "Bartleby & Co." die Aufstellung einer besonderen Dichterspezies in Angriff zu nehmen: All jene sollen bei ihm Platz und Erwähnung finden, deren bemerkenswerteste schriftstellerische Tat im Aufhören, Verstummen und Nichtschreiben bestand.

          Diese Idee kommt zunächst auf den dünnen Beinen der Theorie daher, aber Vila-Matas entlockt ihr beträchtlichen Reiz. Nicht weil der Erzählrahmen so überzeugend konstruiert wäre - er ist es nicht -, sondern weil der Autor uns auf zweihundert Seiten durch seine ausgedehnte, fabelhaft organisierte und mit Geschick aufbereitete Lektüreliste führt. Das mag als etwas wenig erscheinen, ist es aber nicht, erst recht nicht, wenn man den spanischen Hang zum Lokalen kennt. (Und was die Katalanen, zu denen Vila-Matas zählt, den Spaniern an Internationalismus voraushaben mögen, machen sie gelegentlich durch gesteigerten Katalanismus wieder zunichte.) Der Autor also besticht durch immense Belesenheit, die er ganz in den Dienst seines Unternehmens stellt; er ist ein geschmackvoller, sich überhaupt nicht aufplusternder Führer durch ein abseitiges literarisches Universum, das für den einen nackten Tatbestand - den nicht geschriebenen Roman, das nicht gedichtete Gedicht - eine stupende Fülle von Erst-, Zweit- und Drittbegründungen aufbietet. Alles oder fast alles ist in Ordnung, solange man von diesem Buch nicht mehr erwartet als das, was soeben benannt wurde.

          Zur Gebrauchsanweisung: Das Werk ist in sechsundachtzig numerierte Kapitelchen unterteilt, denen eine dreiseitige Vorgeschichte vorangeht; dort tritt der Mann mit dem Buckel auf und sagt, er habe einen Buckel. Sagt ferner, warum ihn der Gedanke einer "Literatur der Verweigerung" anzieht. Und widmet sich im Schatten einer vorgeschützten Krankheit, die ihn vom Bürodienst entbindet, der Aufgabe, eine Art "zukünftiger Literatur" zu schaffen, welchselbe Aufgabe ihn zwinge, sich in das "Labyrinth der Negation" zu begeben.

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