14.11.2000 · Wegen Einsturzgefahr geschlossen: Katharina Hacker belauscht einen Bademeister / Von Klara Obermüller
Ich bin der Bademeister, ich habe nie viel gesprochen", sagt der Mann. Und dann redet und redet er, über 200 Seiten hinweg ohne Unterbrechung, mit der immer gleichen, leisen und doch eindringlichen Stimme. So wie einsame Menschen reden, denen es längst egal ist, ob ihnen jemand zuhört oder nicht. Hugo ist so ein Einsamer, immer schon gewesen, als Kind und auch später, ein Einzelgänger, über den die andern ihre Witze reißen und den doch niemand wirklich kennt. Er gilt als etwas zurückgeblieben, obwohl er es nicht ist. Aber wer verdient sich schon seinen Lebensunterhalt mehr oder weniger freiwillig in einem alten Volksbad, ein Bademeister und sonst nichts? Selbst in der ehemaligen DDR gab es doch Alternativen. Hugo kam jung in das Bad und ist geblieben. Er bleibt, als die Mauer fällt. Und er bleibt auch noch, als das Bad geschlossen wird. Wegen Einsturzgefahr, wie es heißt. Das Bad ist Hugos Welt. Was draußen geschieht, interessiert ihn nicht. Das Bad hat seine Regeln, Hugo erfüllt seine Pflicht. Was darüber hinaus ist, geht ihn nichts an. Hauptsache, es ist ihm in all den Jahren keiner ertrunken.
Katharina Hackers Bad ist ein Symbol: das Bild einer in sich geschlossenen Welt, die mit allen Mitteln über einen Verfall hinwegtäuscht, der schon längst nicht mehr aufzuhalten ist. Das Bad - ein Bild für die späte DDR? Für ein Land, das seine Bürger einsperrt und sie bespitzelt, ein Land, das mit Schweigen über die eigenen Vergehen hinweggeht und auch dann noch großtut, als es längst dem Untergang geweiht ist. Obwohl man nur so nebenbei erfährt, daß die fast hundertjährige Einrichtung der Volksgesundheit sich im Osten Berlins befindet, kann man das Buch so lesen. Man kann aber auch noch tiefer graben und stößt dann hinter der DDR-Fassade auf die verdrängten Spuren älterer Verbrechen, älterer Schuld.
Einst, in jenen dunklen Jahren, von denen niemand gerne spricht, seien hier Menschen eingesperrt gewesen, heißt es, Menschen, die hernach für immer verschwunden seien. Wohin, will keiner gewußt haben, will keiner wissen, bis heute nicht. Und was war mit Hugos Vater, der sich erhängte? Sie nennen Hugo das "Faschistenkind". Warum? Er weiß es nicht, er will es nicht wissen, und die Mutter schweigt. Und schließlich kann man den Roman auch lesen als die Geschichte eines Menschen, der immer nur seine Pflicht getan, zu allem geschwiegen, sich um niemanden und nichts gekümmert hat und der am Ende verschwindet, eingesponnen in die eigenen Obsessionen, ohne auch nur die geringste Spur hinterlassen zu haben.
Barbara Hacker drängt uns glücklicherweise keine dieser Deutungen auf. Sie läßt ihren Bademeister einfach nur reden, reden, reden. Was er hören und wie er das Gehörte verstehen will, bleibt allein dem Leser überlassen. Das ist eine Stärke des Buches. Seine Schwäche liegt in der Form. Dieser nicht enden wollende innere Monolog, der wie eine Art düsteres Rondo die immer gleichen Motive aufgreift, wiederholt und variiert, wirkt mit der Zeit unendlich monoton und ermüdend. Das Gesagte kreist um sich selbst, kreist uns ein, schließt uns ab, macht uns zu Gefangenen einer Geschichte, die keinen Ausweg läßt. Wie Wasser im Ablauf entwickelt diese Erzählweise zunächst zwar einen Sog. Sie schlägt uns eine Weile in Bann und erzeugt doch mit der Zeit nichts als Leere und eine beklemmende Langeweile. Die Leere eines geschlossenen Bades, in dem das Wasser abgelassen ist, die Kacheln sich lösen und der Putz von den Wänden fällt. Für Hugo gab es außerhalb des Bades keine Welt. Das rächt sich am Ende auch literarisch.
Katharina Hacker: "Der Bademeister". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000. 206 S., geb., 38,- DM.