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Rezension: Belletristik : Hiob auf dem Baseballplatz

  • Aktualisiert am

Ein "Amerikanisches Idyll": Philip Roth rüstet zum großen amerikanischen Generationendrama · Von Christoph Bartmann

          Wenn in Roman- oder Filmtiteln das Attribut "American" auftaucht, dann geht es fast immer aufs große Ganze. Ob Dreisers "American Tragedy" oder George Lucas' "American Graffiti", ob "American Psycho" oder "American Werewolf", das Beiwort erhebt den Anspruch auf die Teilnahme der Nation und den Beispielcharakter der Handlung.

          "American Pastoral" oder auf deutsch "Amerikanisches Idyll" heißt Philip Roths neuer Roman, und selbstverständlich ist die jüdische Familienangelegenheit aus Newark, New Jersey, an die Nation adressiert. Die Nation hat entsprechend reagiert: Roth bekam für diesen Roman den Pulitzer-Preis 1998 und damit den vierten großen Literaturpreis in Serie; diesmal für ein elegisches period piece. Keine Spur mehr vom rasenden sexuellen Bekenntniszwang früherer Romanhelden. Roth rekonstruiert Leben und Zeiten in Nixons Amerika: Die Welt ist aus dem Lot im Hause Levov, und schuld daran sind nicht die Figuren, sondern die Zeiten. Jerry Rubin und Herbert Marcuse haben Seymour Levov und die Seinen aus dem amerikanischen Paradies vertrieben.

          Wer im Romantitel ein "Idyll" ankündigt, weckt vor allem die Erwartung, daß es mit dem Idyll bald ein Ende haben wird. Natürlich lauern hinter den Vorgartenhecken von Old Rimrock Unrast und Unheil der sechziger Jahre, und natürlich ist die Welt der Levovs, als der Roman einsetzt, längst nicht mehr in Ordnung. Wie tief die Unordnung reicht und wie unumkehrbar das Verhängnis von den Levovs Besitz ergriffen hat, das zu erzählen ist Nathan "Skip" Zuckermans selbsterteilter Auftrag. Ansonsten hält sich Philip Roths Alter ego aus dem Geschehen weitgehend heraus. Er spielt den Hasen, der den Roman auf Trab bringt und nach hundert Seiten die Bahn verläßt.

          Die Erzählerfiktion des Romans hat ihre Schwächen: Zuckerman, der Schriftsteller, hat von einem Schulfreund, dem wegen seiner Wikingergestalt so genannten "Schweden", der in Wirklichkeit ein Jude ist und Seymour Levov heißt, einen Brief bekommen. Darin fragt der Schwede, ob Zuckerman ihm beim Verfassen eines Nachrufs auf seinen Vater, den mit sechsundneunzig Jahren verstorbenen Newarker Damenhandschuh-Patriarchen Lou Levov, helfen könne. Zuckerman willigt ein, denn er hat einst den Schweden wegen seiner Physis und seiner Baseball-Künste sehr bewundert. Als man sich trifft, bleibt der Schwede überraschend höflich-unverbindlich. Als Zuckerman wenig später auf einem Klassentreffen dessen jüngeren Bruder Jerry trifft, erfährt er, daß der Schwede gestorben sei.

          Außerdem erzählt ihm Jerry, was der Schwede Zuckerman verschwiegen hatte: daß Merry, die einzige Tochter der Levovs, an Bombenanschlägen beteiligt war und daß sie damit "schreckliche Verheerungen" im Leben der Levovs angerichtet habe. Das sind für Zuckerman Anhaltspunkte genug, um sich die Frage zu stellen, wieso der Schwede derart "zum Spielball der Geschichte" werden konnte. Und so beginnt er noch auf dem Klassentreffen zu träumen und träumt sich also "eine realistische Chronik zusammen", den Roman nämlich, aus dem er sich ausblendet, um die Levovs selbst reden zu lassen.

          Dreihundertfünfzig Seiten später sind Zuckerman und Roth einer Antwort noch immer nicht näher gekommen. "Und was ist verkehrt an ihrem Leben?" heißt der vorletzte Satz. Und der letzte: "Was um alles in der Welt ist weniger verwerflich als das Leben der Levovs?" Ja, was? Roth gibt keine Antwort. Der Schwede ist Hiob. Gott hat ihn mit Bedacht auf die Probe gestellt, weil Seymour Levov der beste Baseballspieler, der weißeste Amerikaner, der treusorgendste Sohn und Vater und der erfolgreichste Handschuhfabrikant in Newark ist. Und bei alledem ein furchtbar netter Kerl.

          Es gibt glänzende Passagen in Roths Roman. Es sind nicht jene, in denen der Autor darüber grübelt, wie das schlechthin Unerklärliche dennoch geschehen konnte. Seine Meisterschaft beweist er dann, wenn er über Leben und Leute im jüdischen Newark damals und heute schreibt. Etwa über die Kunst des Handschuhmachens bei "Newark Maid", dem Familienunternehmen der Levovs. Diese Passagen vermitteln nicht nur präzise Eindrücke vom Gerben - "eine grauenhafte Arbeit" -, vom Zuschneiden, Färben und Nähen des Leders, nicht nur Einblicke in die streng patriarchalische Arbeitswelt der jüdischen Einwanderergenerationen, sondern sie lassen sichtbar werden, wie dem Schweden das Handschuhmachen zur zweiten Natur geworden ist. Handschuhmachen, erklärt er, sei eine Sache von "Liebe und Achtung für das Erbe", von Tradition und Geschichte, eine Sache für Idealisten.

          Wie ein Handschuh soll auch sein Leben sitzen. Es drängt ihn überall nach Mustergültigkeit, beim Militär, im Geschäft, in der Familie. Daß er gegen den Willen des Vaters eine irische Katholikin geheiratet hat, wird dadurch aufgewogen, daß sie einmal Schönheitskönigin von New Jersey gewesen ist. Nichts an Seymour Levov, dem Schweden, ist auf Unglück eingestellt. Deswegen ist er ein eher uninteressanter Held. Und deshalb kommt ihm die Wandlung seiner Tochter wie eine Strafe des Himmels vor. Man könnte aus seinem Roman etwas über den Zusammenhang von Tugend und Terror erfahren, aber das scheint Roth nicht zu interessieren.

          Roth beweist einige Ausdauer beim Beklagen des einzigartigen Leids, das anonyme Mächte dem Schweden zugefügt haben. Er gibt sich weit weniger Mühe, die Taten, die solches Leid ausgelöst haben sollen, mit glaubhaften Motiven auszustatten. Das mag damit zusammenhängen, daß er sie, wie sein Held, letztlich für unmotiviert hält. So wie der Schwede ein Kind der Handschuhindustrie, ist seine Tochter eben ein Kind der Subkultur. Fing bei der kleinen Merry alles Unheil womöglich damit an, daß sie die ersten achtzehn Lebensmonate am Stück schrie? Daß sie sich später zum Audrey-Hepburn-Fan entwickelt, daß sie, nächste Phase, Johnson für ebenso schlimm hält wie Hitler, all das deutet nicht zwingend auf eine kriminelle Karriere. Und als wäre das Maß der Rebellion damit immer noch nicht voll, taucht Merry nach vier politischen Morden in einer indischen Sekte unter. Dort gelobt sie, nicht zu töten sowie dem "Laster des Lügens", "allen Besitzansprüchen" und "allen geschlechtlichen Genüssen" zu entsagen. Dafür hat sie aufgehört zu stottern.

          Der Schwede findet sie fünf Jahre nach den Bombenanschlägen verwahrlost in einer "Kloake" im heruntergekommensten Viertel von Newark wieder. Seine Botschaft - "Du kommst nicht aus Algerien und auch nicht aus Indien. Du kommst aus Old Rimrock, New Jersey! Du bist ein total verkorkstes Mädchen aus Amerika!" - erreicht sie nicht. Sein Bruder Jerry, ein resoluter Herzchirurg, will ihm helfen, die Tochter wieder zurück nach Hause zu "entführen". Aber der Schwede hat schon kapituliert. Seine Frau dagegen befreit sich gerade aus einer fünfjährigen Jahren Depression - geliftet und mit einem neuen Mann.

          Am Ende steht ein kathartisches Abendessen. Es nimmt das letzte Viertel des Romans ein und bringt die Verheerungen, die Merrys Taten verursacht haben, vollends ans Licht. Man sitzt zusammen in Old Rimrock, Seymour und seine Frau, die Eltern des Schweden, Nachbarn, Freunde aus New York. Man unterhält sich über Watergate und Linda Lovelace in dem Film "Deep Throat", und hinter der Fassade gepflegter Umgangsformen läßt Roth mit großer kompositorischer Kunstfertigkeit das ganze Desaster der Levovs zum Vorschein kommen. Nichts wird ausgesprochen, aber alles erschließt sich aus kleinen Gesten und Gereiztheiten der Beteiligten.

          "Seine Tochter", so lautet die Schreckensbilanz des armen Schweden Seymour Levov, "war eine wahnsinnige Mörderin und lebte in einem Zimmer in Newark auf dem Fußboden, seine Frau hatte einen Liebhaber, der vor der Küchenspüle mit ihr Trockenübungen machte, seine ehemalige Geliebte hatte wissentlich Unglück über sein Haus gebracht",. Aber inmitten dieses allgemeinen Durcheinanders versucht der brave Mann noch immer "seinen Vater mit einerseits-andererseits zu beschwichtigen".

          Es dauert recht lang, bis die Levovs einsehen, daß "jemand, der erstklassige Damenhandschuhe in Viertelgrößen herstellen kann, nicht unbedingt auch ein Leben gestalten kann, das allen seinen Lieben auf den Leib geschneidert ist". Dieser Roman ist wohl nur deshalb so lang geraten, weil seine Figuren so viel Zeit brauchen, bis zur endlich zur Einsicht kommen. Sie dabei zu beobachten, ist nicht immer aufregend. Philip Roth hat sein Familienstück aus Newark zum großen amerikanischen Generationendrama aufgerüstet, das uns alle etwas angehen soll. Aber wie sagt Jerry Levov, der gefühlsarme Chirurg, an einer Stelle so treffend: "Na schön, Schwede, sanfter Riese. Ich habe ein Wartezimmer voller Patienten. Sieh zu, wie du alleine damit fertig wirst."

          Philip Roth: "Amerikanisches Idyll". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1998. 464 Seiten, geb., 45,- DM.

          Amerikanisches Idyll

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.1998, Nr. 182 / Seite V

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