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Rezension: Belletristik Hinter dem Schleier von Zentimeterwahrheiten

 ·  Die Nacht kommt, die Nacht geht, rasch und gründlich: Roberto Bolaños Geschichte eines Mörders / Von Paul Ingendaay

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Der Chilene Roberto Bolaño gehört zu den seltenen Schriftstellern, die dem Leser schon auf der ersten Buchseite Vertrauen einflößen. Nicht weil die Dinge, die er zu erzählen hat, so philanthropisch wären, sondern weil seine Fähigkeiten sich sofort offen darbieten: Genauigkeit, Kürze, Ironie und ein Schweben über seiner eigenen Geschichte. So dass der Eindruck entsteht, er verzichte auf Seufzen und Leidenschaften, wenn er dafür seine makellose Architektur aus der Luft genießen kann.

Dieser Meister des dichten Stils hat im vergangenen Jahr sein erstes Buch auf Deutsch veröffentlicht, "Die Naziliteratur in Amerika" (F.A.Z. vom 12. Juli 1999). Der Titel ist so eindeutig wie geheimnisvoll, denn von "Naziliteratur" würde man wohl nur in Deutschland sprechen. Tatsächlich ist Bolaños Buch, das keine Gattungsbezeichnung trägt, eher eine Galerie germanophiler Schriftsteller und Schriftstellerinnen im Dunstfeld von Expressionismus, Kriegsverherrlichung, Herrenmenschentum und Kryptofaschismus jenseits des Atlantiks. Zwei Dinge daran springen ins Auge. Zum einen, dass der Autor seine lateinamerikanischen Dichterfräulein, Ästheten, Futuristen und Philosophen der Tat nicht mit dem Blick humanitärer Organisationen betrachtet, sondern mit dem des Lexikographen: Er sammelt ihre Spuren, summiert ihr Leben, nennt die entlegenen Zeitschriften und esoterischen Zirkel, in denen sie ihre Werke zu Gehör brachten, und enthält sich bei seinem heiklen Stoff jeglicher Wertung. Zum anderen, dass seine penible Sammlung der verstiegensten Wirrköpfe beider amerikanischen Kontinente, samt Lebensdaten und bibliographischem Anhang, reine Erfindung ist.

Unverkennbar hat hier der Borges der "Biogramme", kleiner Essays zu Werk und Leben von Schriftstellern, Pate gestanden; Borges darf auch sonst als Leitstern des 1953 geborenen und heute bei Barcelona lebenden Bolaño gelten. Darüber hinaus ist die "Naziliteratur" eine Erfindung von monströsem Ausmaß, weil sie erkennbar kein Ergebnis jenseits ihrer eigenen Brillanz und des unheimlichen Anscheins von Vollständigkeit hat, den sie beim Leser erweckt. Eine präzise Fiktion aus Wahn und Sektengeist, die mit jedem Satz echter erscheint als das Leben selbst.

Das letzte und beste der Prosastücke, aus denen "Die Naziliteratur in Amerika" besteht, handelt von dem Poeten und Jagdflieger Carlos Ramírez Hoffman, der mit einer alten Messerschmitt gründelnd-faschistoide Sinnsprüche in den Himmel über Santiago malt. Später wird er mit Folterungen und scheinbar unmotivierten Morden in Verbindung gebracht. Aus dieser gut zwanzig Seiten langen Geschichte hat Bolaño jetzt "Stern in der Ferne" (Estrella distante) gefertigt, keine Erzählung mehr, sondern einen Roman, der zwar im Wesentlichen dieselbe Handlung hat, doch sie mit neuer Raffinesse und ruhigen, fast epischen Atemzügen erzählt. Vielleicht wäre sogar Borges, wenn er Neid gekannt hätte, darauf neidisch gewesen.

Ein junger Literaturstudent in der südchilenischen Stadt Concepción rekonstruiert kurz vor dem Putsch gegen die Allende-Regierung schreibend die Geschichte eines anderen jungen Mannes, Alberto Ruiz-Tagle alias Carlos Wieder, der später im verschwiegenen Dienst am Pinochet-Regime zum Dichter, Flieger, Folterer und Mörder wird. Nicht zum dumpfen Totmacher, sondern zum tödlich konsequenten Ästheten, der durch Mord ebenso "Dichtung" schafft wie in der Lyrik, die er unter Pseudonymen veröffentlicht. Die Ausgangslage erinnert an ein klassisches Muster: nachdenklicher Beobachter schildert abgründig bösen Helden. Bei Bolaño hocken die beiden nebeneinander in einem Seminar für angehende Lyriker, zusammen mit zwei hoch begabten Zwillingsschwestern, die zu Carlos Wieders ersten Opfern gehören.

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Stern in der Ferne

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2000, Nr. 68 / Seite L9
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