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Rezension: Belletristik : Hessische Märchenlandschaft

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Der Himmel über dem Rimberg ähnelt der Küchenschürze von Frau Holle, und von der Mellnauer Burgruine aus blickt man auf den Wald des Eisenhans: Solche tröstlichen Beobachtungen machen nur Leser - oder Dichter. Ludwig Harig, der heute seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert, hat die Landschaft rund um Marburg mit dem Nachmittagstee seiner Tante Erna in sich aufgesogen.

          Der Himmel über dem Rimberg ähnelt der Küchenschürze von Frau Holle, und von der Mellnauer Burgruine aus blickt man auf den Wald des Eisenhans: Solche tröstlichen Beobachtungen machen nur Leser - oder Dichter. Ludwig Harig, der heute seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert, hat die Landschaft rund um Marburg mit dem Nachmittagstee seiner Tante Erna in sich aufgesogen. Denn immer sonntags, wenn die Besuche bei Tante Erna in Fischbach stattfanden, holte diese ihm "das Märchenbuch aus dem Wohnzimmerschrank". Es handelte sich um eine Jubiläumsausgabe von Grimms Märchen, mit Illustrationen des Zeichners Otto Ubbelohde: Hier tat sich dem Jungen nicht nur die "skurrile Bilderwelt des Marburger Landes" auf, sondern er besaß fortan zwei Ansichten des verwunschenen Waldes, in dem sich Hänsel und Gretel verirren, das "Phantasiebild im Kopf und Ubbelohdes Zeichnung im Buch".

          So kam zu der kindlich imaginierten eine künstlerisch geschaute Landschaft hinzu, und damit stellte sich die drängende Frage, welcher Wald denn nun der richtige sei. Jeder literarisch und geographisch Reisende kennt das Problem - und seine Antwort: Hinter jeder Ecke vermutet man beim Erkunden der Wirklichkeit die Erfüllung der Vorstellung. Ob man je um diese Ecke biegt, ist gar nicht so wichtig. Harig jedoch will unbedingt die Spielorte finden, an die Ubbelohde Grimms Märchen verlegt, so zum Beispiel jenen Pfuhl, der Eisenhans immer wieder den Weg abschnitt. In seiner Not ruft er den Förster von Mellnau an. Dieser kennt zwar das Märchen nicht, führt den unverdrossenen Märchenwanderer aber gern zum Spiegelteich in der Waldmitte. Und siehe da: "Im Wasser spiegeln sich die Martinikirche und das Küsterhaus vom Christenberg. Ubbelohde hat beide gezeichnet: Die Kirche ist zur Friedhofskapelle und das Küsterhaus zum Hexenhaus in Hänsel und Gretel geworden." Der Fund inspiriert einen glücklichen Harig zu der Beobachtung: "Nun weiß ich endlich, warum die Zeichenerklärungen auf den Wanderkarten auch Legende genannt werden. Sie führen aus der wirklichen Welt in den geheimnisvollen Ort des Märchens."

          Der Jugendstilmaler Ubbelohde entdeckte im späten neunzehnten Jahrhundert hessische Entsprechungen für die Schauplätze der Brüder Grimm. Harig stellt ihm nach, besteigt wie der Zeichner die höchste Umgebung in der Nähe und verschaffte sich so einen Überblick, macht verwunschene, überwucherte Pfade aus. Voran treibt ihn Adornos Erkenntnis, daß es für jeden Menschen ein Urbild aus dem Märchen gibt, "man muß nur lange genug danach suchen". Harig und mit ihm der von seinen poetischen Beschreibungen verzauberte Leser finden am Ort des Geschehens Erlösung, die "erwartete Rettung aus Zweifeln und Not". Nach dieser Lektüre glaubt keiner mehr, daß die Zeit für Märchen vorüber ist.

          FELICITAS VON LOVENBERG

          Ludwig Harig: "Da fielen auf einmal die Sterne vom Himmel". Begegnungen mit Dornröschen und dem Eisenhans - eine Märchenreise im Jugendstil. Mit Zeichnungen von Otto Ubbelohde. Zu Klampen Verlag, Lüneburg 2002. 93 S., geb., 14,- [Euro].

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