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Rezension: Belletristik : Her mit der Plastikdecke

  • Aktualisiert am

Emmanuel Carrère berichtet von allerlei gräßlichen Kuriosa

          Unheimliches geschieht im Leben des kleinen Nicolas. Sein wortkarger, nervöser Vater verkauft medizinische Plastikprothesen, die er im Kofferraum seines grauen Renault 25 zu Kunden chauffiert. Er hat sie auch dabei, als er seinen Sohn zu dem Chalet bringt, wo dessen Schulklasse Skiferien macht. Doch das ist es nicht, was den Zehnjährigen beunruhigt. Vielmehr, was der Vater ihm einmal unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut hatte: daß es Männer gebe, die Kinder entführten, um ihnen Organe herauszuoperieren, mit denen dann Handel getrieben werde. Emmanuel Carrère erzählt in seinem Roman "Schneetreiben", wie diese väterliche Schreckensvision über seinen kindlichen Helden allmählich Gewalt gewinnt. Das Buch wurde mit dem Prix Femina ausgezeichnet und liegt nun in einer gelegentlich etwas steifen deutschen Übersetzung vor.

          Ein sympathischer Junge ist Nicolas nicht, genausowenig wie Musils Zögling Törleß; er ist im Gegenteil in seiner überbehüteten Verspannung ziemlich ungeschickt. Es soll wohl typisch für ihn sein, daß er seine Reisetasche im Kofferraum vergißt. Jedenfalls steht er ohne Gepäck da, als der Vater schon wieder abgefahren ist. Ihm fehlt daher auch - Wink mit dem Zaunpfahl - die Plastikunterlage, die seine Mutter ihm eingepackt hatte für den Fall, daß er ins Bett machen sollte. Statt daß er ins Bett macht, wird eine andere Flüssigkeit (deren Namen Nicolas noch nicht kennt) unkontrolliert aus seinem Körper kommen.

          Zwar begleiten eine Lehrerin und eine Betreuerin die Schulklasse, doch das Begehren des Weiblichen spielt keine Rolle für das Problemkind Nicolas. Es sind vielmehr zwei Männer und ein Junge, die seine Gefühle beherrschen: der enigmatische Vater, der tyrannische Mitschüler Hodkann und der grundfreundliche Betreuer Patrick. Zu den gelungenen Ideen des Buchs gehört jene, erwachsene Männlichkeit über das Verhältnis zum Autofahren zu kodieren: Bei seinem Vater sitzt Nicolas grundsätzlich hinten; als er in Patricks schepperigen R 4 steigt, eines der Hippieautos der siebziger Jahre, darf er erstmals vorne sitzen. Deutlich hat Carrère die Figur des Patrick als Antipoden zum Vater konstruiert. Daß der schöne Mann mit dem Pferdeschwanz und dem Yoga-Tick Nicolas' trauriges Leben nicht ändern wird, zeigt den zutiefst aussichtslosen Grundton des Buchs an.

          Die Autofahrt mit Patrick zum Einkaufen in den Nachbarort macht Nicolas so glücklich, daß man sie geradewegs eine Initiation nennen möchte. Schlagermusik kommt aus dem Rekorder, Patrick wiegt sich im Rhythmus, Nicolas wünscht, "es bliebe so sein ganzes Leben". Leichtfertig verspricht Patrick: "Wir sind die Ölprinzen, meinst du nicht auch?" Strikt hält Marcel Carrère sich an das psychoanalytische Gebot, phantasierten und erlebten Dingen denselben Platz im Seelenleben zuzuerkennen: In der Nacht darauf wird Nicolas mit feuchtem, klebrigem Bauch aufwachen, hinaus in das Schneetreiben gehen, sich in Patricks Renault kauern und, bis er vom Ölprinzen gerettet wird, in juvenil stilisierter Todeserwartung verharren.

          Carrère hat sich viel vorgenommen. Er will nicht nur eine Kinderseele studieren, in der die Angst (des Vaters vor sich selbst) fieberhaft Wurzeln treibt, sondern darüber hinaus eine Kriminalgeschichte erzählen, die diese grausam übertrifft: Als an einem der nächsten Tage die örtliche Polizei nach einem verlorengegangenen Jungen aus dem Nachbardorf sucht, erinnert sich Nicolas an die Sache mit dem Organhandel; er stellt sich vor, sein Vater habe das vermißte Kind vor seinen Entführern retten wollen und schwebe nun selbst in Lebensgefahr. Tragische Täuschung: Sein eigener Vater - wir ahnen es bald - ist der Mörder des vermißten Jungen. Ob Nicolas selbst dies begreift, läßt Carrère bis zum Schluß offen. Fest steht nur, daß die Lehrerin und Patrick für den Sohn eines "Monsters" keine tröstende Sprache mehr finden. Leider ist deren (glaubhafte) Hilflosigkeit ihrerseits recht hilflos erzählt.

          Den Sog des Unheimlichen hat Carrère besser im Griff als den poetischen Feinbereich. Daß seine Dialoge selten originell geraten, scheint er zu wissen. Doch die in "Schneetreiben" strapazierte indirekte Rede gleicht diesen Mangel nicht aus. Auch bleibt zu ungeklärt, wer hier eigentlich aus welcher Sicht erzählt. Nur einmal wird in einem der 31 kurzen Kapitel ein vorausweisender Rückblick "zwanzig Jahre später" eingeschoben, der davon handelt, wie Nicolas in einem nächtlichen Park in Paris zufällig Hodkann begegnet, jenem Schulkameraden, vor dem er am meisten Angst gehabt und dem er aus diesem Grund seine Gedanken zum Organhandel anvertraut hatte. Tatsächlich hatte das gräßliche Kuriosum Hodkann mächtig imponiert. Es hatte damals, im alpinen Chalet, ein beklemmendes homosexuelles Erlebnis mit ihm gegeben. Und nun steht er da, betrunken, aufgequollen, mit rasiertem Schädel, brüllt und stürzt sich auf Nicolas, der "begriff, daß er ihn töten wollte". Als Leser allerdings begreift man nur, daß Hodkann ein Clochard geworden ist und Nicolas seine schlimme Kindheit irgendwie überlebt hat. Das ist zu wenig. INA HARTWIG

          Emmanuel Carrère: "Schneetreiben". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Lis Künzli. Berlin Verlag, Berlin 1996. 171 S., geb., 34,- DM.

          Schneetreiben

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.08.1996, Nr. 197 / Seite 30

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