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Rezension: Belletristik : Hart wie Watte

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Ralf Rothmann als Fluchthelfer / Von Hubert Spiegel

          Was für ein Würstchen. Eine Stimme, die kaum ausreicht, einen Schuhkarton zu füllen, geschweige denn einen Saal, eine Handschrift, die "so schnell und häufig Grad und Größe wechselt", daß sie ihrem Besitzer selbst fremd wird, kaum hat dieser den Stift beiseite gelegt. Besondere Kennzeichen: schielt, ist schüchtern, hat Schuppen. So sieht er aus, der typische Sproß einer Generation, die nach der festen Überzeugung ihres Abkömmlings "einfach nicht dazu gemacht" sei, Nachwuchs zu haben: "Kinder sind nämlich verdammt konservativ, die wollen klare Verhältnisse, eindeutige Zustände, einen richtig intakten Familienstaat, den sie immer mal wieder aufmischen können. Und keinen, der schon ein Trümmerfeld ist."

          Ralf Rothmanns jüngster Held heißt nicht Racko oder Ecki wie seine Vorgänger aus den Romanen "Wäldernacht" und "Stier". Sein Schlachtfeld ist nicht mehr das Ruhrgebiet mit seinen Schrebergärten und Industriebrachen, sondern Berlin, und hier vor allem die Eigentumswohnung seines Vaters: Altbau, Stuckdecke, Parkett. Nichts an diesem Jüngling ist eckig, rockig oder zackig. Sein Name ist Lolly, und sein Lebensmotto, das dem Roman den Titel gab, lautet mit dem Hohenlied Salomonis: "Flieh, mein Freund."

          Louis Blaul, genannt Lolly, verhinderter Frauenheld und ein ewiger Flüchtling von zwanzig Jahren, ist vollauf damit beschäftigt, sich möglichst unauffällig zu verhalten - eine Kunst, mit der sich gerade bei wahrer Meisterschaft nur schwer Furore machen läßt. Ohne ein bißchen Furore ist aber bei den meisten Frauen nicht viel zu reißen, um es einmal im Jargon des jugendlichen Helden zu sagen. Also leidet Lolly, und es gibt Tage in seinem Leben, da ist ihm "Watte zu hart". Er leidet an den Frauen, die ihn nicht erhören, und an der einen, die ihn erhört, aber ein unförmiges Hinterteil hat. Er leidet an sich und an den Freunden, die ihm fehlen, an der Welt und an seinen Eltern, die ihn gezeugt haben. Aber haben sie ihn wirklich gezeugt? Die Frage der Vaterschaft ist in diesem Fall nicht so einfach zu beantworten.

          Zwar hat auch Ralf Rothmanns jüngster Held leibliche Eltern. Mary, eigentlich Marianne, und Martin haben sich bei einer Anti-Atomkraft-Demo in Brokdorf kennengelernt, als sie zufällig gemeinsam von der Polizei abtransportiert wurden, mit Handschellen aneinander gekettet. Aber wie zum Beweis, daß nicht von Dauer sein kann, was dieser Staat zusammengefügt hat, leben sie längst getrennt. Hätte dieses Paar ihn großgezogen, so Lollys Überzeugung, wäre ein "Alkoholiker oder Junkie oder Skinhead" aus ihm geworden - "aus Trotz". Aber weil seine Eltern sich um ihren Abkömmling kaum gekümmert und ihn bei Martins Großeltern abgeliefert haben, fühlt Lolly sich nicht als Sohn eines Elternpaares, sondern als Stammhalter einer ganzen Generation: Er ist der verlorene Sohn der sogenannten "Achtundsiebziger", die den gängigen Generationstheorien zufolge nie etwas anderes gelernt haben, als sich mit sich selbst zu beschäftigen. Rothmann zeichnet das Porträt dieser Generation ebenso bissig wie sentimental und, bei aller Wahrhaftigkeit im Detail, leider oft auch recht klischeehaft.

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