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Rezension: Belletristik Halluzinieren? Ich doch nicht!

Sudhir Kakar gilt als Indiens renommiertester Psychoanalytiker. Er schrieb Bücher über "Schamanen, Heilige und Ärzte" (deutsch 1984), über die Psychologie religiöser Konflikte ("Die Gewalt der Frommen", 1997), schließlich auch einen erotischen Roman "Kamasutra oder die Kunst des Begehrens" (1999).

Sudhir Kakar gilt als Indiens renommiertester Psychoanalytiker. Er schrieb Bücher über "Schamanen, Heilige und Ärzte" (deutsch 1984), über die Psychologie religiöser Konflikte ("Die Gewalt der Frommen", 1997), schließlich auch einen erotischen Roman "Kamasutra oder die Kunst des Begehrens" (1999). Er versteht etwas von Erotik, Politik und Religion und ihrem Zusammenhang.

Von seinem Roman "Der Mystiker" kann man daher etwa eine Psychoanalyse radikaler Formen von Religiosität erwarten, die Rezeptur des Ekstatischen oder eine Mechanik der Mystik. Doch weit gefehlt! Auf Erklärungen, gar Entlarvungen verzichtet Kakar so gut wie gänzlich. Er behält sein theoretisches Wissen für sich, um uns nur eine Geschichte zu erzählen. Es ist eine bestürzende Geschichte. Trotzdem deutet er sie nicht, sondern läßt den Europäer, dem der Impuls fremd bleibt, aus dem heraus dieses Buch geschrieben wurde, mit seiner Bestürzung allein.

Da ist ein Junge, er heißt Gopal; ihm wachsen Mädchenbrüste, seine Genitalien schrumpfen und ziehen sich nach innen wie die Beine einer Schildkröte, schließlich menstruiert er. In seinen Visionen wird er Mann oder Frau sein können, ganz nach Bedarf. Er singt ergreifend, wie ein Engel. Ein Rasthaus für Wandermönche ist sein liebster Aufenthalt. Ehrwürdige Asketen und halbverrückte Schmarotzer bilden seine Gesellschaft. Immer neue Gurus erkennen seine spirituelle Begabung und fördern sie auf ihre Weise. Er durchläuft verschiedene Stadien der Initiation, darunter auch so wenig verlockende wie eine Übungsphase zur Befreiung vom Ekel durch Aasessen und eigenhändiges Hundekoteinsammeln. Natürlich holt er sich immer wieder einmal die Ruhr, aber das ist nebensächlich. Der Lohn der Qual ist "samadhi", die ekstatische Vereinigung mit Gott - wobei dieser anfangs noch bildhaft, in vielen Personifikationen und Geschichten auftritt, später nur noch Licht, Leere, Freiheit, Entselbstung, Körperlosigkeit bedeutet.

Gopal, als Mönch Ram Das Baba, Vater Ram Das genannt, wird selbst ein Guru, zu dem die Menschen pilgern - darunter auch einige Studenten im Indien der sechziger Jahre. Sie bringen den ganzen Agnostizismus einer westlich geprägten Universitätsintelligenz mit, aber derlei prallt an Baba ab. "Woher weißt du, daß deine Visionen nicht einfach Halluzinationen sind?" - "Das weiß ich nicht", antwortet der Mystiker freundlich, "denn ich hatte noch nie Halluzinationen."

Ram Das Baba ist rätselhaft, aber nicht eigentlich anziehend für den hiesigen Geschmack. Man beneidet ihn nicht um seine Visionen. Ob sie nicht doch nur krankhaft seien, diese Frage will nicht verstummen. Ram Das Baba lebt zwar im zwanzigsten Jahrhundert, aber in einer abgeschotteten archaischen Sonderwelt. Zu ihr mögen die Visionen passen. Wer in der Gegenwart leben muß, kann sie nicht recht brauchen. Bei aller Farbigkeit lassen sie den westlichen Leser kalt.

Vielleicht auch den Autor. Was Sudhir Kakar aus den Quellen zusammengetragen hat, teilt nicht Visionen mit, sondern Beschreibungen von Visionen. Das Feuer, das einmal in ihnen glomm, ist erkaltet. Der Autor selbst ist weder Visionär noch Vivisekteur, sondern etwas dazwischen, ein unentschiedener Voyeur, der neugierig auf Seelenzustände ist, es aber weder mit den Intellektuellen noch mit den Bettelmönchen verderben will.

Was den westlich, vielleicht auch christlich geprägten Leser ferner stört, ist die Asozialität, ja, der Autismus dieser Mystik. Es geht ihr nicht darum, irgendeinen Schmerz zu lindern, irgend jemandem leben zu helfen, irgend etwas begreiflich zu machen, sondern darum, von jeglichem Begehren frei zu werden, unter Umständen auch dem des Helfens, und jeglichen Schmerz auszuhalten. Der spirituelle Weg ist radikal. Er kann fordern (und fordert es), die eigene Mutter im Stich zu lassen, überhaupt für keinen Menschen verläßlich zu sein, ja, in monatelangen Verzückungen angewiesen zu sein auf andere Menschen, die dem Körper, aus dem der Visionär fast gänzlich herausgetreten ist, mittlerweile das Nötigste zu seiner Erhaltung einflößen. Der Preis ist hoch, der Ertrag unbekannt.

Lange Zeit sitzt Vivek, einer der Studenten, zu Babas Füßen, von den Ekstasen fasziniert und dennoch ohne tiefen Glauben. Nach dem Tod des Mystikers wendet er sich rasch anderen, männlicheren Gottheiten zu, wird zu einem Führer des nationalistischen Hinduismus, aufbauwillig und tatbereit. Er ist offenbar als Prototyp gedacht, der den Weg Indiens in die Moderne repräsentieren soll. Die weibliche Mystik des Ram Das Baba ist am Ende nur noch der Traum oder der Albtraum von einem archaischen Indien, das keiner mehr wirklich will und keiner mehr versteht, das allenfalls eine unbestimmte Wehmut weckt.

Die Gegner der Mystik in diesem Roman sind schwache, oberflächliche Figuren, denen Ram Das Baba nicht preisgegeben wird. Ehrfürchtiges Schaudern, nicht höhnische Überlegenheit soll hier nahegelegt werden. Eine pragmatische Modernität will hier tapfer nach vorne blicken, im Herzen aber eine alte Trauer um die Seele Indiens bewahren, verborgen wie eine verdrängte Schuld.

HERMANN KURZKE.

Sudhir Kakar: "Der Mystiker oder die Kunst der Ekstase". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Nathalie Lemmens. Verlag C. H. Beck, München 2001. 269 S., geb., 19,50 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2002, Nr. 216 / Seite 38

 
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Veröffentlicht: 17.09.2002, 12:00 Uhr