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Veröffentlicht: 13.01.2001, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Grüner Dorn der Welt, der sich durchs Frauenherz hinausbohrt

Das Geschlecht des Klanges: Anne Carsons großartige Essay-Gedichte "Glas, Ironie und Gott" · Von Harald Hartung

Die Kanadierin Anne Carson ist seit einigen Jahren der shooting star der nordamerikanischen Lyrikszene. Susan Sontag nannte sie "waghalsig, gelehrt, beunruhigend", und Michael Ondaatje erklärte sie schlicht zur aufregendsten englischsprachigen Dichterin unserer Zeit. Ihr Ruhm wächst von Buch zu Buch, und ihre Auflagen sind beträchtlich. Die Gefeierte selbst behält in allem Rummel offenbar einen kühlen Kopf und gibt sich ostentativ bescheiden. Ihre Bücher enthalten knappe biographische Angaben, vor allem aber keine Fotos der Autorin. Wir wüßten ja auch nicht, wie Homer ausgesehen hat, sagt Anne Carson in einem Interview, und die einzige antike Nachricht über Sappho besage nur, sie sei kurz, dunkel und häßlich gewesen.

Anne Carson muß es wissen, denn sie lehrt klassische griechische und römische Literatur an der McGill-Universität in Montreal. Was aber die Fotos angeht, die von ihr in Umlauf sind, dürfen sich die Liebhaber ihrer Poesie beruhigen: Sie sieht der Sappho nicht ähnlich. Die Fans sind ohnehin gebeten, sich an die Texte zu halten, denn Carsons Ideal ist "a blank book", bloß Titel, Autor, Verlag. Solche Rigidität könnte eine besondere Strenge in Form und Genre erwarten lassen - vor allem bei einer klassischen Philologin.

Das Gegenteil ist der Fall. Anne Carson betreibt eine ungenierte synkretistische Vermischung der Stile und Genres. Sie komponiert ihre Bücher aus Gedichten und Essays - wobei die Gedichte sich eher prosaisch geben, die Essays aber poetisch brillieren. Das erklärt einiges von der Faszination ihrer Bücher, hat aber auch Kritik hervorgerufen. Da in den Vereinigten Staaten der Essay weniger gilt als die Lyrik, mochte es scheinen, als sei die Poesie das Vehikel für schwerverkäufliche Essays. Einer ihrer Kritiker meint, so habe sich das häßliche essayistische Entlein in einen schönen poetischen Schwan verwandeln wollen. Das kann Anne Carson nicht kränken, denn die Lust an Metamorphose ist ein Hauptimpuls ihres Schreibens. Ob Schwan oder Ente: Der deutsche Leser hat endlich Gelegenheit, Bekanntschaft mit diesem faszinierenden Werk zu machen. Alissa Walser und Gerhard Falkner haben den 1995 erschienenen Band "Glass, Irony and God" weitgehend glücklich ins Deutsche gebracht und einen erklärenden Untertitel beigefügt: "Fünf epische Gedichte und ein Essay über das Geschlecht des Klanges".

Den Anfang macht der "Versuch über das Glas" - vom Titel her ein Essay, dem Druckbild nach ein langes Gedicht. Der Originaltitel "The Glass Essay" freilich macht das Paradox noch etwas deutlicher. Es ist der längste und eindrucksvollste Text des Bandes, eine Art poetisches Tagebuch. Das lyrische Ich in der Persona der Tochter berichtet von einem Besuch der Mutter auf dem Land. Die ohnehin prekäre Beziehung der Frauen wird noch dadurch belastet, daß die Tochter die Beziehung zu einem Mann nicht vergessen kann. Er heißt - etwas sehr symbolisch - Law, Gesetz. Da auch die Mutter, befangen in ihren Lebensregeln und Ritualen, "Gesetz" ist, flüchtet die Tochter in eine Metamorphose.

Denn am Küchentisch ist noch eine andere Frau gegenwärtig, wenn auch nur in ihren Büchern: Emily Brontë. Im Lauf ihrer Lektüre identifiziert sich die Tochter mit der Autorin, "die ihr ganzes Leben Mädchen blieb trotz dem Körper einer Frau". Sie versucht, ein "Whacher" zu werden wie Emily (die so statt "whatcher" schrieb); ein "Obachter" also, wie Falkner übersetzt. Emily "obachtete, wie das erbärmliche Kerngehäuse der Welt / sich weit öffnete". Ihre nächtlichen Zwiegespräche mit dem Mann, den sie "Thou" nannte, werden der Tochter zum religiösen Exempel; freilich zu einem, dem sie nicht ohne Skepsis begegnet. Das lyrische Ich reagiert skeptisch: "Mir ist etwas mulmig bei diesem Kompensationsmodell weiblicher religiöser Erfahrung, / und doch, / es wäre zweifellos schön, einen Freund zu haben, dem man in der Nacht Dinge erzählen kann, / ohne dafür den schrecklichen Preis der Sexualität zahlen zu müssen."

Erstaunlich nun, wie es Anne Carson gelingt, das Gedicht aus der Desillusion heraus ins Visionäre zu erheben, ohne ihre poetische Redlichkeit aufzugeben. Sie läßt ihre Protagonistin dreizehn "Akte" sehen, Visionen von leidenden Frauen, etwa "Akt Nr. 10": "Grüner Dorn der Welt, der sich lebend / durch das Herz einer Frau hinausbohrt." Der letzte dieser Akte ist eine Passion, zugleich eine Apotheose, die als Aufhebung des Geschlechterproblems erscheint: "Es war nicht mein Körper, nicht der Körper einer Frau, es war unser aller Körper. / Er trat aus dem Licht." Hier gelingt Anne Carson eine großartige Synthese: die Vereinigung von von Sachlichkeit und Ekstase, von Ironie und Pathos. In den subjektiven Passagen erinnert das an die Confessional poetry von Robert Lowell und Anne Sexton, in den analysierenden an Ezra Pound und Marianne Moore. Aber das Ganze ist durchaus eigen. Wer diese Synthese rühmt, darf auch hinzufügen, daß die poetischen Fähigkeiten in den anderen Gedichten eher wieder auseinanderdriften.

Von der leichten Art, wenn auch unterhaltsam ist "Der Fall von Rom". Es sind Reminiszenzen an eine Rom-Reise, die neben allerlei Bildungsaperçus vor allem die Einsicht bieten, daß man die Fremden haßt. Schärfer ist die Zivilisationskritik in dem Zyklus "TV-Männer", vor allem, wenn man in Rechnung stellt, daß zu diesen TV-Männern die Rollen von Hektor, Sokrates, Sappho, aber auch von Artaud gehören. Zu Sappho als TV-Mann fällt Carson nicht viel ein. Die längste ist die beste Pièce. Da begleiten wir Hektor zu einem Death-Valley-Drehtermin: "Hektor war zum Prinzen von Troja bestimmt, nicht zum TV-Mann, / daher sein Erfolg." Man stutzt freilich, wenn man liest: "Hektors Name kommt vom antiken Verb ,halten'". Es gibt römische und griechische, aber keine antiken Verben. Das Original spricht von "the ancient verb ,to hold'." Ist die Antike das Vorratshaus für Metamorphosen, so das Alte Testament der Schauplatz des Disputs. Da wird der Ton der Gedichte hart, die Ironie böse. "Die Wahrheit über Gott"- so der Titel des einen Gedichts - ist eben auch die der "Gnade, die aus der Gewalt kommt". Und im "Buch Jesaja", einem psalmodierenden Gegen-Gesang zum biblischen Original, läßt Carson ihren Jesaja auf Gottes Frage, was er über die Frauen wisse, so reagieren: "Jesajas Nasenflügel stießen Frauenausdrücke hervor. / Schamröte. Gestank. Weib. Vulva. Hexe." Eine Reaktion von Aischrologia. Was es damit auf sich hat, erfahren wir im folgenden Text, dem Schluß-Essay.

"Das Geschlecht des Klanges" handelt von den seit alters geübten Versuchen der Männer, den Frauen den Mund zu schließen - aus Angst vor dem Unaussprechlichen, das ihm entfahren könnte. Ob Alkaios oder Hemingway: Die Männer, so Carson, kultivieren ihre Assoziationen zwischen weiblicher Stimme und Monstrosität, Chaos und Tod. Sie fordern Sophrosyne, Mäßigung. Denn sie fürchten die Aischrologia, "das Aussprechen von häßlichen Dingen". Carsons Jesaja tat dies offenbar nicht; und so ist die Schlußfrage ihres Buches, ob es eine andere Vorstellung von Tugend geben könnte als die Selbstbeherrschung: "Oder sogar etwas anderes, was das Wesen des Menschen ausmacht, als das Selbst." Es ist auch eine Frage an den Leser. Doch da es auf solche Fragen keine Antwort gibt, halte man sich an Hofmannsthals schönen Satz: Die Gestalt erledigt das Problem. Oder im Fall von "Glas, Ironie und Gott": Die praktische Poesie besiegt den theoretischen Essay, Gott ist ohne Glas und Ironie nicht zu haben.

Anne Carson: "Glas, Ironie und Gott". Fünf epische Gedichte und ein Essay über das Geschlecht des Klanges. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Alissa Walser und Gerhard Falkner. Piper Verlag, München Zürich 2000. 192 S., geb., 38,- DM.

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