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Rezension: Belletristik : Gralsritter auf der Autobahn

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Julio Cortázar und Carol Dunlop erforschen die Rastplätze

          Weil das Vertraute das Fremde sein soll, kauften Julio Cortázar und Carol Dunlop einen VW-Bus, richteten ihn mit dem Nötigsten ein und begaben sich auf die Autoroute du Soleil. Für die Reise waren 33 Tage eingeplant mit der Vorgabe, alle Rastplätze zwischen Paris und Marseille, also zwei pro Tag, anzufahren und zu erforschen. Den ganzen Monat verließen sie kein einziges Mal die Umgebung der Autobahn, um nicht den Erfolg des Experiments zu gefährden. Jetzt liegt ihr 1982 entstandener Reisebericht "Die Autonauten auf der Kosmobahn" auch auf deutsch vor, mit kleinen Skizzen der Rastplätze und vielen Fotos illustriert, die das Paar bei seiner Forschungsarbeit zeigen: ein intimes Album der gestundeten Zeit.

          Der argentinische Schriftsteller und seine kanadische Frau leben seit Jahren in Paris und sind keine jungen Rucksacktouristen. Er ist hoch in den Sechzigern, sie um die vierzig. Sie hat nur noch ein halbes Jahr, er knapp zwei Jahre zu leben. Aber davon ist auf der Reise kaum etwas zu erahnen. Die Freude am Spiel und aneinander beherrscht das Unternehmen, das wie eine Expedition in unerschlossene Fremde vorbereitet ist. Fernrohr und Kompaß dürfen nicht fehlen, der Proviant ist mit Rücksicht auf die Skorbutgefahr ausgewählt, Freunde versorgen an zwei festgelegten Orten die Entdeckungsreisenden mit frischem Nachschub.

          Das Spiel ist auch eines mit literarischen Formen. Neben dem "Bordbuch", das die jeweilige Position und den Tagesablauf in Stichpunkten dokumentiert, stehen "an den bleichen Leser" gerichtete Passagen im Stil alter Reiseberichte, romantische Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen (der Taugenichts grüßt aus der Ferne), essayistische Einschübe, Tagebuchsequenzen und sogar ein fiktiver kleiner Briefroman, der eine Außensicht auf dieses Paar gewährt. Wilfried Böhringer beweist als Übersetzer ein gutes Gehör für die verschiedenen Tonlagen.

          Die beiden, die da täglich ihre geblümten Liegesessel aufklappen und sich im zuweilen nur spärlichen Schatten des Rastplatzgrüns ans Essen oder an die Arbeit machen, berichten mit Entdeckerfreude über Müllmänner und Baukolonnen, über jubilierende Lerchen und beißende Ameisen, über die erotischen Geheimnisse der Parkplatznächte und einzelne Ausblicke in die verbotene Welt jenseits der Zäune. Sie sind gut aufeinander eingespielt, und es ist nicht immer gleich zu erkennen, wer was geschrieben hat. Aber es fällt dann doch auf, daß sie unmittelbarer schreibt, während er die Gefühle in Assoziationen, Reminiszenzen, literarischen Zitaten bricht. Das könnte die Gemeinplätze über männliches und weibliches Schreiben bestätigen, ist aber auch einfacher zu erklären: Cortázar, der sich zwar nie als Berufsschriftsteller, sondern als aficionado der Literatur verstehen wollte, blickt doch auf ein weit umfangreicheres, in vierzig Jahren gewachsenes literarisches OEuvre zurück. Die "Autonauten" reihen sich da mühelos ein.

          So erkennt der Cortázar-Leser Anspielungen, Themen und Kompositionsprinzipien wieder; selbst der dialogische Charakter des Buchs erscheint als eine besondere Variante der Beziehung des Autors zu seinem Leser, den er sich immer als aktiven Komplizen, nicht als passiven Konsumenten gewünscht hat. Bedeutsamer aber ist die Kontinuität bei Motiven, die Cortázar metaphysisch befrachtet hat. Verkehrsmittel, Verkehrswege haben darin eine eigene Tradition: Sein erster längerer Essay über moderne Literatur aus dem Jahr 1947 (postum veröffentlicht) ist eine "Theorie des Tunnels", in seinen Kurzgeschichten spielen Großstadtpassagen eine ebenso entscheidende Rolle wie das unterirdische Labyrinth der Pariser Metro oder ein Bus in Buenos Aires; die Schiffahrt mit dem gefährlich surrealen Ende in dem Roman "Die Gewinner" bietet eine maritime Variante. Auch die Autobahn hatte bereits ihren Auftritt in der Erzählung "Südliche Autobahn", die Godard zu seinem Film "Weekend" inspirierte.

          Von klein auf damit geschlagen, sich nicht mit dem Sosein der Dinge abzufinden, mit allem, was sich als Routine einstellt, entwickelte er sich zu einem Verächter zeitlicher und psychologischer Kausalitäten. Er suchte geschlossene und zugleich bewegte Räume, "Passagen", die ihm das Erlebnis einer Aufhebung der Zeit ermöglichten und damit die Wahrnehmung einer verrückten Wirklichkeit. In dieser erst vervielfältigen sich die Möglichkeiten der Existenz auf phantastische und oft bedrohliche Weise. Nicht willkürlichen Erfindungen des Autors, sondern solch winzigen Verschiebungen im Raum-Zeit-Gefüge verdanken die phantastischen Erzählungen Cortázars ihre existentiell beunruhigende Wirkung.

          Das Unternehmen Autobahn steht in dieser Tradition. Da Cortázar in Carol die kongeniale Partnerin gefunden hat, erweist sich die zeitliche Entrückung nicht als bedrohlich, sondern als beglückend. Die Freunde des Paares hatten sogleich den Verdacht, daß es mit dieser Fahrt etwas Besonderes auf sich hatte. Sie vermuteten ein metaphysisches Anliegen, eine neuzeitliche Gralssuche gar, sehr zum Erstaunen der Reisenden, die bei ihrer Planung keinerlei "tiefschürfende Absichten" gehegt hatten. Mit den Spielregeln, die sie sich setzten, schufen sie eine willkürliche und freiwillige Ordnung, in der sie sich fern jeder Alltagsroutine nah sein konnten. Und so geben die beiden Schriftsteller im nachhinein den Freunden recht. DAGMAR PLOETZ

          Julio Cortázar/Carol Dunlop: "Die Autonauten auf der Kosmobahn". Eine zeitlose Reise Paris-Marseille. Aus dem Spanischen übersetzt von Wilfried Böhringer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 360 S., geb., 39,80 DM.

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