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Rezension: Belletristik : Gott löscht das Licht

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Zurückgenommene Schöpfung: Die Gedichte von Asher Reich

          Der hebräische Lyriker Asher Reich, Jahrgang 1937, gehört zur Generation der Autoren, denen die Staatsgründung Israels im Jahr 1948 zum entscheidenden Ereignis wurde. Bei Reich nahm diese Wende eine besondere Form an: Er kam in Jerusalem zur Welt und wuchs als Talmudschüler im streng orthodoxen Viertel Mea Sche'arim auf, die säkulare Bewegung des Zionismus aber schlug ihn in ihren Bann. Mit achtzehn Jahren verließ er die angestammte Tradition, diente in der Armee und studierte später an der Jerusalemer Universität hebräische Literatur und Philosophie. Sein lyrisches Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

          Das Abstreifen seiner ersten Identität hat sich in den Ambivalenzen niedergeschlagen, die seine Dichtung prägen. Im vorliegenden Band mit den schönen Übersetzungen Lydia und Paulus Böhmers, die auch mit Übertragungen aus Jehuda Amichais Werk hervorgetreten sind, kommen sie schon im Titel zum Ausdruck: "Tel Aviver Ungeduld" stellt der Jerusalemer Orthodoxe die Weltlichkeit der mediterranen Küstenstadt gegenüber und zugleich die Rastlosigkeit, die aus dem Verlust der alten Bindungen erwächst.

          Dieser Verlust aber kennzeichnet keineswegs nur die neue Stadt; auch im Herzen Jerusalems selbst ist er spürbar. Im Gedicht "Über das Land" heißt es: "Die Berge Jerusalems, die kahl wurden von Wäldern, / füllten sich mit Häusern der Schwärze." Der israelische Slang bezeichnet die Ultraorthodoxen als "Schwarze", denn sie tragen noch immer die traditionelle Kleidung des Mittelalters. Aus ihrem scheinheiligen Bündnis mit den von ihnen im Grunde verachteten Zionisten schlagen sie politisches Kapital, und diesen hohlen Opportunismus prangern die Verse an: "Schwarze Missionare / klopfen an der weißen Tür meiner Seele, / in ihren Händen ein Schlachtmesser ohne Isaak, ein Widder ohne / Engel, gebirgige Tafeln ohne Moses." Das Gedicht spricht der politisch vermarkteten Orthodoxie die Bindung des Isaak und das Sinai-Ereignis ab und damit alle Insignien der jüdischen Tradition.

          Asher Reich nimmt den Niedergang des Judentums aber nicht nur als ein allgemeines, sondern auch als ein ganz persönliches Phänomen wahr. In dem Gedicht "Das Buch" stehen die Zeilen: "Bei meinem letzten Umzug fand sich / plötzlich meine vergessene Bibel: // Ein Bar-Mizwah-Geschenk, der einzige Gegenstand, / den ich mitnahm, als ich desertierte vom Haus meiner Jugend / vor vierzig Wüstenjahren." Er zieht von einer Wohnung in die andere, und auch in seinem eigenen Leben kehren sich die Symbole um: Seinen Eintritt in die israelische Armee nennt er jetzt eine Desertion, und von seinem Austritt in die Freiheit, seinem Auszug aus Ägypten, sind nur noch die vierzig Wüstenjahre geblieben.

          Seine alte Bibel bietet ihm keinen Trost mehr. "Die Seiten sind schon schwarz / vom Blut aus Kriegen", heißt es in der letzten Strophe. "Nur die Sünden sind geblieben als weiße Flecken. Propheten / sind aus dem Buch verschwunden, weissagen weit entfernt. Könige / ins Exil geflohen. Engel zurückgeflogen in die Himmelshöhlen. / Zu Bett ging Gott und löschte uns das Licht." Das Licht war die erste Gottestat in der Bibel, in Asher Reichs vergessenem Buch aber nimmt er seine Schöpfung wieder zurück.

          Oft haben jüdische Dichter die Motive der Bibel unterhöhlt, um ihrer Verzweiflung Ausdruck zu geben. Bei Else Lasker-Schüler zum Beispiel heißt es: "Die Welt erkaltete, der Mensch verblich. / - Komm bete mit mir - denn Gott tröstet mich. // Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?" Die Zeilen entstanden auf der Flucht vor Hitler - das Gedicht heißt "Die Verscheuchte" -, und für manche Leser mag es enttäuschend sein, daß lange nach der Gründung des jüdischen Staates ein israelischer Lyriker noch immer ganz ähnliche Bilder entwirft.

          Aber es ist auch bezeichnend für den Stand der Dinge im gegenwärtigen Israel. Ein Zyklus des vorliegenden Bandes trägt den Titel "Wintermusik", und im ersten Gedicht heißt es dort: "Zu lang schon haben wir / in diesem ewigen Dämmern gelebt, / das im eigenen Schatten noch dämmriger wird / ohne die Lichtschritte des kommenden Morgens." Wieder verwendet Asher Reich die Symbolik von Licht und Schatten, und am Ende des Gedichtes verknüpft er sie mit biblischen Erlösungsbildern: "Aus den Abgründen / des Schlafs rufe ich: Gott, mach uns den Tag auf. / Teile vor uns die Nacht, daß wir hindurchgehen können / trockenen und sicheren Fußes, wie einst unsere Väter." Die vierzig Wüstenjahre, die seit seiner Desertion vergangen sind - hier münden sie noch einmal in den Traum vom Roten Meer und dem einstigen Wunder.

          Es ist ein Traum, der wie alles in Asher Reichs Dichtung ambivalent bleiben muß. In einem anderen Gedicht lesen wir die Zeilen: "Der Winter warf Finsternis über mich. / Nur aus den Buchstaben des Buches, / das ich jetzt lese, / blutet Licht." Wieder scheint das Licht die Rettung aus der Not zu sein - und dennoch kann es die Wunde nicht verleugnen, aus der es fließt.

          JAKOB HESSING.

          Asher Reich: "Tel Aviver Ungeduld". Gedichte. Aus dem Hebräischen übersetzt von Lydia Böhmer, Paulus Böhmer und Werner Söllner. Axel Dielmann Verlag, Frankfurt 2000. 96 S., geb., 30,- DM.

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