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Rezension: Belletristik : Glut im Schlund

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Für alle, die an der Gegenwartsliteratur das Fehlen packender Handlung beklagen, ist Stephen Frys neuer Roman die überfällige Antwort. Wer sich nach dem Herzklopfen sehnt, das ihm Kara Ben Nemsi, Casanova oder Fabrice del Dongo durch ihre halsbrecherischen Fluchten verschafften, kommt in "Der Sterne Tennisbälle" ...

          Für alle, die an der Gegenwartsliteratur das Fehlen packender Handlung beklagen, ist Stephen Frys neuer Roman die überfällige Antwort. Wer sich nach dem Herzklopfen sehnt, das ihm Kara Ben Nemsi, Casanova oder Fabrice del Dongo durch ihre halsbrecherischen Fluchten verschafften, kommt in "Der Sterne Tennisbälle" voll auf seine Kosten.

          Der Held ist ein junger, mittelloser Sprößling der britischen Aristokratie, dem falsche Freunde zum Verhängnis werden. Rosige Wangen, eine blonde Stirnlocke, makelloses Benehmen, sportliche Spitzenleistungen und ein goldenes Herz machen Ned Maddstone zum Bilderbuch-Jüngling. Durch den bösen Streich zweier Schulkameraden kommt seine vielversprechende Laufbahn an ein jähes Ende. Ein ihm zugestecktes Cannabis-Briefchen und eine IRA-Botschaft, die Ned ahnungslos transportiert, verstricken ihn in geheimdienstliche Ranküne. Zum Krüppel geschlagen, findet er sich als abgeschotteter Patient auf einer schwedischen Insel in einem Sanatorium für psychisch Kranke wieder und dämmert unter Drogen jahrelang dahin. Als Retter erweist sich Babe, ein weiterer politischer Gefangener, der seinen Peinigern gegenüber das restlos verblödete Opfer einer Elektroschock-Behandlung spielt, tatsächlich aber ein Superhirn ist. Während er zum Amüsement seiner Wärter Backgammon ohne Brett spielt, läßt er Ned jene Oxford-Ausbildung zukommen, die ihm das Schicksal vorenthalten wollte. In der Muße einer zwanzig Jahre währenden Abgeschiedenheit lernt Ned fünf Sprachen, wird mit philosophischen Systemen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und den Finessen technischer Baupläne vertraut und kann nach Babes Tod dank des memorierten Sicherheits-Schaltplans der Klinik im Sarg seines Freundes entkommen.

          Wem die Handlung an diesem Punkt noch nicht vertraut vorkommt, dem sei gesagt, daß Ned als Dot.com-Milliardär "Simon Cotter" in die Zivilisation zurückkehrt. Sein neuer Name ist ein Anagramm von "Monte Cristo", so wie "Ned Maddstone" ein Anagramm von "Edmond Dantès" ist, wie der bürgerliche Name lautet, den Alexandre Dumas seinem berühmten Flüchtling gab. Das anagrammatische und mehrsprachige Verwirrspiel zieht sich bei Fry durch eine Handlung, die Schritt für Schritt den französischen Abenteuerroman aktualisiert.

          Ned erhält das fatale IRA-Schreiben auf dem Schiff "Orphana" - Edmond hatte es als Kapitän der "Pharaon" aus Napoleons Händen auf Elba empfangen. Bei Fry ist es an Philippa Blackrow, 13 Heron Square in London adressiert, Dumas schickt es an Monsieur Noirtier, Rue Coq-Héron 13. Der von Ned ersetzte Kapitän heißt Leclare - in der Urform Leclère. Die vier Unholde, deren Neid Neds Glück zum Opfer fällt, werden Rufus Cade, Garland, Gordon Fendeman und Oliver Delft genannt. Das sind buchstäbliche Verdrehungen von Caderousse, Danglars, Fernand Mondego und de Villefort. Das Superhirn "Babe", das sein Vermögen durch die illegale Umleitung staatlicher Konten erworben hat, ist bei Dumas jener "Abbé", der dem Grafen von Monte Christo den Schatz des römischen Fürstenhauses Spada vermacht.

          "Der Sterne Tennisbälle" hat nur ein Viertel des Umfangs von Dumas "Monte Christo". Fry kürzte Nebenhandlungen ab und verzichtete auf die Sentimentalitäten des romantischen Originals. "Der Sterne Tennisbälle" ist lakonischer, realistischer und damit vor allem auch brutaler. Die Tötungsarten, die Simon Cotter seinen Feinden widerfahren läßt, erinnern an die Usancen der Mafia, tatsächlich sind sie Shakespeares Dramen entnommen. Rufus Cade werden die Beine abgeschnitten, Oliver Delft schlingt, von Cotter erpreßt, gar glühende Kohlen in sich hinein. Beibehalten hat Fry die Folter der öffentlichen Bloßstellung, nur daß sie für Fernand Mondego noch im Parlament stattfindet, für Garland vor laufenden Kameras und auf Live-TV. Das Böse hat seinen Schmelz verloren, und auch die Laster sind moderner geworden. Kokain ersetzt Alkohol, der Gebrauch von Kinderpornographie den Ehebruch und Insider-Trading die Erbschleicherei. Doch die Figurenkonstellation bleibt erhalten, dieselben Leidenschaften treiben ihr rasantes Spiel. Stephen Fry verlegt das Geschehen einfach nur in ein anderes Jahrhundert, in ein anderes Land und tauscht den bonapartistischen Untergrund zur Zeit Ludwig XVIII. durch die IRA-Sympathisanten der Jetztzeit aus. Doch an der Moral, die Alexandre Dumas aus seiner Fabel von der ruinierten Jugend zieht, ändert Fry nichts, ja, er treibt sie noch stärker hervor.

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