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Rezension: Belletristik Geh' niemals mit dem Bruder zur Nilbrücke!

Ein früher Roman von Nagib Machfus / Von Stefan Weidner

Nagib Machfus, der ägyptische Nobelpreisträger, ist ein moralisierender, ein konservativer Schriftsteller. Ein Ikonoklast war er nicht, dafür ein Neuerer in Sprache und Stil: Er wandelte das von klassischen Vorbildern dominierte Hocharabisch in ein natürlich klingendes Idiom um, in dem fortan auch die soziale Realität geschildert werden konnte. Während in den vierziger Jahren die arabische Literatur noch im Bann von Neoklassizismus und Romantik stand, schrieb Machfus im naturalistischen, gern mit Zola verglichenen Stil breit angelegte Romane über die Umbrüche im kleinbürgerlichen Kairo. Fällt aber, wie meist selbst im Zuge der besten Übersetzung unvermeidlich, der einst innovative sprachliche Aspekt fort, so bleibt von Machfus' realistischen Romanen häufig nicht mehr als eine wenig originelle Geschichte.

Eine dieser Geschichten lautet so: Der plötzliche Tod des Vaters wirft eine Familie der unteren Mittelklasse auf das Existenzminimum zurück. Die kleinbürgerlichen Ambitionen werden noch eine Weile beibehalten, unter Entbehrungen machen die beiden jüngeren Söhne Abitur, der jüngste, Hassanein, studiert sogar, die Schwester aber, kein sehr hübsches Mädchen, arbeitet schon nicht mehr standesgemäß als Näherin außer Haus, der älteste Sohn wird zum Kleinkriminellen. Bleibt der Schein zunächst gewahrt, so wuchern doch auf dem mit dem Vatertod verwilderten kleinbürgerlichen Humus die Süchte der modernen Welt und verschonen nur die Mutter und den zweiten, sich ebenfalls für die Familie aufopfernden Sohn.

Als die Tochter in die Prostitution abdriftet, treibt der jüngste Sohn sie in den Selbstmord. Was die Cover ägyptischer Taschenbuchausgaben der Machfusschen Romane - wehende Mähnen verzückt schauender Blondinen vor apokalyptisch finsterem Hintergrund - an Kolportage erwarten lassen, man findet es hier. Viel wird geweint bei Abschieden, viel der Aufopferungsbereitschaft der Mutter gedacht und über die Schlechtigkeit der Welt draußen geklagt - bis dann, jäh, das Böse sich im Binnenraum der Familie eingenistet hat. Doch kurz bevor man das Buch kopfschüttelnd beiseite legen will, geht Machfus tiefer, lotet die einfach angelegten Figuren mit der ganzen ihnen möglichen Ambivalenz aus, macht aus den Typen Charaktere. Was Hassanein durch den Kopf geht, wenn er seine Schwester zur Nilbrücke führt, von der sie sich stürzen soll, ist alles, was man in einem solchen Moment empfinden kann, Wut, Reue, Haß, Trauer und Verzweiflung, die ihm schließlich suggeriert, am mutigsten sei es, hinterherzuspringen. Das Ende ist so abrupt und unversöhnlich, wie es dieser Freitod wäre, den Hassanein vielleicht begeht; Machfus läßt es offen.

Soziale Mobilität ist selbst bei konservativen abendländischen Autoren die Geburtshelferin des modernen Romans. Die Helden Balzacs und Stendhals werden getrieben davon; ihr Scheitern ist ihre Größe, ihr Streben ihre Apotheose, in welcher Gosse es auch endet. Hassanein, dem Helden in "Anfang und Ende", bleibt diese Apotheose versagt. Seine Ambitionen auf eine Karriere als Offizier werden nur aus größter Distanz als zerstörerisch hingestellt, als bestehe Ansteckungsgefahr. Machfus' und seines Lesers Sympathien liegen bei denen, deren Ego klein ist. Der Ehrgeiz, der in Europa heroisch erschien, stellt sich bei dem Ägypter von seiner Kehrseite dar, und das hat, sosehr einen das damit einhergehende Lob des Kleinmuts aufregen mag, auch einen nachdenklich machenden Reiz.

In Machfus' Spätwerk, besonders in dem 1998 auf deutsch erschienenen Roman "Die Nacht der tausend Nächte", hat sich der moralische Ton zur positiven, die Welt wieder verzaubernden Kraft geläutert. Die islamische Ethik, zumal der Sufismus, präsentieren sich da aufs schönste, märchenhaft. Von heute und vom Westen aus gesehen, bietet dieser späte Machfus mehr. In welcher Grundhaltung zu den Umbrüchen der Moderne dieses Mehr wurzelt, erfährt man aber nur hier in diesem frühen Roman; und zwar, wie ja meist bei Machfus, auf durchaus kurzweilige Art.

Nagib Machfus: "Anfang und Ende". Roman. Aus dem Arabischen übersetzt von Doris Kilias. Unionsverlag, Zürich 2000. 379 S., geb., 39,- DM.

Anfang und Ende

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000, Nr. 241 / Seite L31

 
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Veröffentlicht: 17.10.2000, 12:00 Uhr