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Rezension: Belletristik : Freund und Feind mit Rüsseln

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Dialektisch bleiben: Volker Brauns "Ausgewählte Gedichte"

          "Volker Braun? - Da kann ich nur sagen, der Junge quält sich." So distanziert, so arrogant, aber so treffend auch äußerte sich schon 1985 ein junger DDR-Autor, Fritz-Hendrick Melle, über Volker Braun, der den Drahtseilakt fertiggebracht hat, zugleich Repräsentant und Außenseiter der DDR-Literatur zu sein, Ausstellungsstück und Quälgeist. Denn er quälte nicht nur sich selbst, sondern auch seine Freunde und Gegner. Er wurde vereinnahmt, aber auch brüsk zurückgewiesen, streng zensiert, aber auch bereitwillig exportiert. Er war der ärgerliche Provokateur, der die Toleranz seiner Leser und Kritiker und immer wieder die Literaturverhältnisse seines Landes auf die Probe stellte. Ob man ihn ertrug oder attackierte, stets war die Auseinandersetzung mit ihm zugleich eine Probe auf die eigene Standfestigkeit oder Flexibilität.

          Volker Braun gehört - mit Christa Wolf - zu denjenigen Autoren, die an der Vereinigung der deutschen Staaten existentiell leiden. Für ihn wurde mit der DDR eine unerledigte Angelegenheit vorzeitig zu den Akten gelegt beziehungsweise "abgewickelt": "Was ich niemals besaß wird mir entrissen", heißt es in dem zu Recht schnell bekannt gewordenen Gedicht "Das Eigentum", das sich nun auch unter den "Ausgewählten Gedichten" Brauns findet: "Und unverständlich wird mein ganzer Text".

          Sein Lebenswerk, so hat man das wohl zu verstehen, droht unbegreiflich zu werden, weil ihm die Basis entzogen wurde, auf die es sich noch und gerade im Widerspruch bezog: "Ich selber habe ihm den Tritt versetzt", so formuliert es Braun rückblickend, und er ist weit davon entfernt, sich das heute als "Lebensleistung" anzurechnen. Aber Grund genug für eine Revision ist diese Feststellung allemal, und das Ergebnis einer solchen Revision seines lyrischen Gesamtwerks ist der Band "Lustgarten. Preußen".

          Es ist keine dokumentarische Sammlung - die liegt mit der zehnbändigen Werkausgabe aus dem Mitteldeutschen Verlag seit 1993 vor -, sondern eine neue, eigenwillige, von Braun selbst getroffene Auswahl. Hier geht es nicht um eine möglichst authentische Rekonstruktion der historischen Entwicklung eines jederzeit widerborstigen Lyrikers, sondern um die höchst subjektive Deutung dieser Entwicklung aus heutiger Sicht.

          Schon die Chronologie der vier Abschnitte, in die das Buch gegliedert ist, zeigt das in geradezu aufdringlicher Abweichung von den historisch relevanten Daten der politischen Geschichte der DDR: Weder das Jahr des Mauerbaus noch das der Biermann-Ausweisung oder das der (Wieder-)Vereinigung erscheint in dieser Chronik, und die ersten fünfundzwanzig Jahre der lyrischen Tätigkeit Brauns (1959 bis 1974) nehmen nicht einmal soviel Raum in Anspruch wie eine einzige der nachfolgenden Werkphasen, obwohl diese jeweils nur bis zu sieben Jahre umfassen (1975 bis 1980, 1981 bis 1987, 1988 bis 1995).

          Dementsprechend fehlen in der vorliegenden Auswahl viele jener Gedichte, die zum frühen Ruhm Volker Brauns, zur wiederholten Interpretation und zur Auseinandersetzung mit ihm beigetragen haben: Das gilt etwa für das schon nahezu legendäre Plädoyer für die "Halbfabrikate" (anstelle von fertigen "Lösungen") ebenso wie für die Klopstock-Palinodie "Wir und nicht sie". Alles Operationalisierbare, Parteiliche, Wegweisende hat Volker Braun ausgeschieden zugunsten des Fragwürdigen, Vorläufigen, prinzipiell Katastrophalen und Apokalyptischen, dessen Wurzeln er bis in die frühen Texte hinein zurückverfolgt.

          Es ist also der Versuch einer neuen Positionsbestimmung, eine radikale Selbstinfragestellung angesichts der sogenannten Wende: "Mein friedliches Leben, mit Abstand besehn / Verwandelt sich in eine Katastrophe", heißt es in dem Gedicht "Der Reißwolf", das als programmatische Erläuterung der Inventur gelesen werden kann, die Braun mit diesem Band vornimmt: "Was dachte ich denn?", "Was bezweckte ich?", "Aber nun wohin?" - diese drei Fragen des Gedichts regieren auch die Auswahl der Texte.

          Die Antwort, die die jüngeren Gedichte auf diese Fragen geben, fällt teils zerknirscht bis verzweifelt, teils zynisch oder melancholisch ("Nie wieder leb ich zu auf eine Wende"), auch ratlos, aber nicht wortkarg aus: "ich schäme mich / Mit Schweinen gekämpft zu haben / Die ich für meine Gegner hielt, meine Genossen / Gegen die ich antrat ein treuer Verräter / In der schimmernden Rüstung der Worte". Auf die Rhetorik des Widerspruchs bei Volker Braun war allemal Verlaß.

          Aber auch die "Wende" hat Volker Braun nicht die Sprache verschlagen, und gerade im letzten Teil des Bandes dominiert wieder der Typ des Anlaßgedichts, den Braun aus den übrigen Teilen des Bandes weitgehend eliminiert hat. Die 40. Spielzeit des Berliner Ensembles, der 9. November 1989, die Ausreise Honeckers, Hoyerswerda, die Stasi-Akteneinsicht bei der Gauck-Behörde, die französischen Atombombenversuche, die Lagerung der übriggebliebenen DDR-Buchbestände in den Ställen Katlenburgs - alles das bietet immer wieder Gelegenheit zu prüfen, ob es überhaupt noch etwas zu sagen gibt. Die DDR mag tot sein. Ihr Grund und Boden wird verschleudert, aber: "Brauche ich denn einen Grund? zum Leben / Nach der Vorschrift oder vor der Nachschrift". Die Dialektik lebt, wie man sieht. Nach wie vor. Sie, wenn auch alles dem Elend zuläuft, ist nicht unterzukriegen. WULF SEGEBRECHT

          Volker Braun: "Lustgarten. Preußen". Ausgewählte Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 178 S., geb., 34,- DM.

          Lustgarten. Preußen

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.1996, Nr. 301 / Seite 22

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