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Rezension: Belletristik Feindschaft? Ein Mißverständnis

Das ist kein Kriminalroman mehr. Nur ein Genre, wenn überhaupt, böte diesem Buch Asyl: der Horrorfilm. "Da zerplatzt plötzlich die Fensterfront in Millionen von Splittern. Ein Sog erfaßt mich und schleudert mich nach hinten. Um mich herum wildes Geschrei. Wer nahe der Eingangstür saß, ist unter Trümmern begraben.

Das ist kein Kriminalroman mehr. Nur ein Genre, wenn überhaupt, böte diesem Buch Asyl: der Horrorfilm. "Da zerplatzt plötzlich die Fensterfront in Millionen von Splittern. Ein Sog erfaßt mich und schleudert mich nach hinten. Um mich herum wildes Geschrei. Wer nahe der Eingangstür saß, ist unter Trümmern begraben. Unter den gliedlosen Marionetten erkenne ich den Kellner wieder. Er entdeckt soeben voll Entsetzen, daß sein Arm keine Rückmeldung gibt. Er kann es nicht fassen, ist leichenblaß, glaubt nicht, was er sieht. Eine Frau taumelt durch den Qualm, eine Kreatur wie aus einem Gruselfilm, die Arme weit von sich gestreckt, das Gesicht von der Explosion weggerissen."

Wozu Genres, wenn es auch die Realität tut? In Algerien tut sie es. Yasmina Khadra ist zur Zeit der einzige ehrliche Schriftsteller aus Algerien. Denn er verwandelt die Literatur in eine Handkamera, die er überallhin mitnehmen kann. Ästhetische Qualität ist nebensächlich, die Bilder wackeln furchtbar, dafür zeigen sie, was wir sonst nie zu sehen bekämen. Die Autobombe vor dem Teesalon. Oder die feine algerische Gesellschaft: "Da gibt's Miezen, die sind so liebreizend wie Brokatstickerei, Frauen wie gefüllte Puten und Herren von distinguiertem Äußerem. Hier und da lagern ältere Damen mit der Reglosigkeit heiliger Kühe auf dem Diwan, damit beschäftigt, ihr fettes Vermögen wiederzukäuen und Gleichgültigkeit gegenüber dem Charme ihrer Gigolos zu heucheln, die bereit sind, ihnen für ein wenig Taschengeld den Hengst zu machen."

Yasmina Khadra ist Mohammed Moulessehoul. Moulessehoul, geboren 1955, war lange Zeit ein hoher Offizier in der algerischen Armee - und schrieb Krimis. Da er seit Ende der achtziger Jahre als Staatsbeamter nicht mehr unzensiert publizieren durfte, wählte er zunächst das Pseudonym "Commissaire Llob". Als er in den neunziger Jahren nur noch im Ausland veröffentlichen konnte, wurde daraus Yasmina Khadra: der Name seiner Frau, die seine Werke an die Verlage vermittelte. Dank seiner Emigration nach Frankreich konnte er seinen wirklichen Namen jetzt preisgeben.

Das Wechselspiel von Pseudonym und wahrer Identität eines kriminalschriftstellernden Staatsbeamten wird in "Herbst der Chimären", der 1998 im Original erschien, selbst zum Thema: Kommissar Llob, Held und Erzähler der Geschichte, schreibt unter dem Pseudonym Yasmina Khadra Kriminalromane, welche die Zustände in Algerien unverblümt darstellen. Als herauskommt, daß sich hinter Yasmina Khadra Kommissar Llob verbirgt, wird er entlassen und gerät in die Mühlen rivalisierender Machtcliquen und Bürgerkriegsparteien. Er wird beschattet und bedroht, seine Wohnung durchsucht. Man fordert ihn auf, sich für die Publikation seiner Unverschämtheiten öffentlich zu entschuldigen. Aber Llob widerruft nicht, und so wird er schließlich selbst zum Opfer. Denn der gesamte algerische Staatsapparat, wie ihn Moulessehoul darstellt, ist mafiös. Und die einzigen potenten Gegner dieses Staatsapparats, die islamischen Fundamentalisten, sind Killer und Massenmörder, die Schulkinder ebensowenig verschonen wie Tagelöhner oder alte Frauen. Die Suche nach dem einen wahren Schuldigen ist vor diesem Hintergrund naiv, und für jeden Algerier stellt sich nur die Wahl, entweder Täter oder Opfer zu sein. Wer dieser Dialektik entkommen will, muß emigrieren - oder schreiben.

Immerhin, Kommissar Llob hat ein paar gute Freunde. Sie helfen ihm, etwas über seine Verfolger herauszufinden, sie beschützen ihn, und wenn sie ihn aufheitern wollen, kann er sich herrlich über sie erregen. Llob ist so vergrätzt durch seine Entlassung, daß er nicht einmal das Angebot annimmt, voll rehabilitiert zu werden. Erst auf seiner Entlassungsfeier erkennt er, wie sehr er von den Kollegen geschätzt wurde, so daß er sich fragt, "ob Feindschaft letztlich vielleicht nur auf einem banalen Mißverständnis beruht, einem fatalen Kommunikationsproblem". Nach hundertvierzig Seiten Sarkasmus bahnt sich ein Happy-End an. "Eines schönen Tages werde ich mir Angeln kaufen und von der alten Landungsbrücke herab den Fischen auflauern. Ich werde mir einen Sonnenhut überstülpen und von früh bis spät mit meinen Kindern plaudern. Später werden wir am Strand die gefangenen Fische grillen. Der Abend wird es nicht leicht haben, uns aus unseren Träumen zu reißen." Aber bereits zwei Seiten weiter finden die Träume ihr blutiges Ende. Und mit ihnen der Roman, dieser traumhafte Albtraum von einem Buch.

In der Darstellung der letzten zehn blutigen Jahre Algeriens stößt die große Erzählkunst des Landes an ihre Grenzen. Der neue Bürgerkrieg ist weitaus traumatischer, als es je der antikoloniale Befreiungskrieg gewesen ist. Und für dieses allzu nahe, allzu intensiv erlebte Leid findet sich kaum eine literarische Form - außer der von Khadra neu erfundene Kriminalroman. In den ersten beiden Bänden der Kommissar-Llob-Trilogie, "Morituri" und "Doppelweiß", wird die kritische Darstellung des sozialen Milieus, in dem sich das Verbrechen entfaltet, noch getreu dem Schema des roman noir mit der Aufklärung des Falles verbunden. In "Herbst der Chimären" kollabiert dieses Schema, weil der Kommissar selber zum Opfer wird und das Verbrechen erst am Ende geschieht, so daß nichts mehr aufzuklären ist. Die unheimliche Anonymität der Gewalt in Algerien findet damit eine ihr entsprechende narrative Gestalt. Dies ist ein höchst origineller Beitrag nicht nur zur Erzählkunst in Algerien, sondern auch zur internationalen Krimiliteratur. Selbst wenn es kein Kriminalroman mehr ist.

STEFAN WEIDNER

Yasmina Khadra: "Herbst der Chimären". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Regina Keil-Sagawe. Haymon Verlag, Innsbruck 2001. 157 S., geb., 14,90 [Euro].

Taschenbuchausgabe im Unionsverlag, Zürich 2002. 144 S., br., 8,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2002, Nr. 183 / Seite 34

 
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