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Rezension: Belletristik : Exerzitium mit Ohrensausen

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Magie ist auch nicht leicht: Daniel Kehlmanns Debüt mit Zylinder

          Ein Illusionist, der das Publikum nicht an Magie glauben läßt, ist nur ein Taschenspieler. Erst wenn beim Publikum jede Frage verstummt, erst wenn die Aufmerksamkeit in sprachloses Staunen umschlägt, handelt es sich um Zauberei. Das ist in der Literatur nicht viel anders - es ist der Glaube, der die Werke leben läßt. Ein Magier ist deshalb eine klassische Figur für den Schriftsteller, der Selbsterforschung treiben will. Noch dazu, wenn er gerade die ersten Schritte auf dem literarischen Parkett wagt. So erzählt der 1975 geborene, in Wien lebende Daniel Kehlmann in seinem Debütroman "Beerholms Vorstellung" die Lebensgeschichte eines Zauberers, der die magische Grenze zwischen Trick und Wunder überschreiten will.

          Der Anfang der Geschichte ist fast schon ihr Ende. Bevor er aus dem Leben scheiden will, sitzt der neunundzwanzigjährige professionelle Illusionist Arthur Beerholm auf der Aussichtsterrasse eines Fernsehturms, um sein Leben niederzuschreiben. In klarer Sprache und mit pointierter Beobachtungsgabe erzählt Beerholm von einer Kindheit, in der noch nichts darauf deutet, daß er später ein großer Magier werden sollte. Erst während seiner Zeit in einem Schweizer Internat begegnet er dann dem Ursprung alles Magischen, dem Irrationalen, in Gestalt der Mathematik. An der Zahl Pi und angesichts von Kurven, die ins Unendliche eilen, erkennt Beerholm, "daß im Herz der Mathematik der Keim des Wahnsinns liegt".

          Kehlmann entwickelt mit Beerholms Geschichte eine moderne Variante des Faust-Themas, eines Jungen, der auszieht, das Irrationale zu begreifen und zu beherrschen, zuletzt aber darin selbst verlorengeht. Auf zweierlei Arten versucht Arthur Beerholm das Unbegreifliche zu meistern: mit Hilfe der Theologie, die das Dunkle der Welt im Glauben aufhebt, und der Magie, die sich des Irrationalen bemächtigt. Mit der Gotteslehre scheitert Beerholm, sein Versuch, Priester zu werden, endet mit Ohrensausen während der Schweigeexerzitien. Anders die Zauberei. Bei der Vorstellung eines Meisterzauberers, seines späteren Lehrers, erlebt Beerholm die wahre Macht der Magie: "Sie bedeutet schlicht, daß der Geist dem Stoff vorschreiben kann, wie er sich zu verhalten hat, daß dieser gehorchen muß, wo jener befiehlt." Und so gibt er sich ganz dem Zaubern hin, die flinken Hände verstoßen mit den Karten gegen alle Gesetze der Physik, Beerholm wird berühmt.

          Auf dem Weg zum Ruhm begegnen dem Zauberer seltsame Dinge: Ihm gelingt es, von kaputten Fernsprechzellen aus zu telefonieren, er liest Gedanken, läßt einen Busch wie weiland Gott in Flammen aufgehen und erschafft in Gedanken gar eine Frau, die ihm wenig später über den Weg läuft und zur Begleiterin wird. Doch geschieht ihm all das nicht bei wachem Verstande. Der Illusionist weiß bis zuletzt nicht, ob jene Ereignisse bloße Ausgeburten seiner Phantasie sind - "Beerholms Vorstellung" eben - oder tatsächliche Magie. Diesen aus neuzeitlicher Skepsis und heidnischem Glauben, aus Faustus und Merlin gemischten Zwiespalt kann der Zauberer nicht auflösen, weshalb er schließlich seine Karriere auch an den Nagel hängt.

          Der beabsichtigte Sprung vom Fernsehturm soll letzten Aufschluß geben: "Bin ich kein Magier? Habe ich nicht die Materie beherrscht, dich aus dem Dunkel geholt, beim Feuer Gehorsam gefunden? Wer bin ich, daß ich fallen soll!" Doch ein solcher Schluß spiegelt weniger innere Kämpfe des Protagonisten als Probleme in der Anlage des Romans. In der Figur des Zauberers wird nichts Existentielles entdeckt, was nicht zuvor schon im Konzept entworfen gewesen wäre. Auch finden sich keine Ansätze, in einer solchen Figur zeitgenössische Problematiken zu spiegeln, wie einst Thomas Mann es tat.

          Daniel Kehlmann ist es in seinem Debüt noch nicht gelungen, aus dem guten Handwerk Magie werden zu lassen. Der Roman ist noch zu selbstbewußt, zu sehr in einem Netz von Ideen und verführerischen Szenen gefangen, das seinem Helden Luft zum Leben nimmt. Aber der Autor mag auf dem richtigen Weg sein. Sein Magier Beerholm weiß, worauf es beim wahren Zaubern ankommt: "Nicht wissen und nicht darauf achten, was die eigene Hand tut. Die Tricktechnik, die verborgenen Griffe hinabsinken lassen ins Halbdunkel des Unbewußten." HUBERTUS BREUER

          Daniel Kehlmann: "Beerholms Vorstellung". Roman. Deuticke Verlag, Wien 1997. 286 S., geb., 34,-DM.

          Beerholms Vorstellung

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.1997, Nr. 249 / Seite 48

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