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Veröffentlicht: 17.03.2002, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Elfriede Jelinek: Lust

Dieses Buch ist anstrengend und wirkmächtig zugleich, es ist ekelhaft und abstoßend. Doch aus der verbogenen, mißhandelten Sprache dringt die brutale Wahrheit und Schönheit kraftvoller Assoziationen.

© Rowohlt

Dieses Buch ist anstrengend und wirkmächtig zugleich. Es ist ekelhaft und abstoßend, nicht zuletzt wegen einer Sprache, die gegen sich selbst wütet; und wenn man sie zu Ende gelesen hat, diese schiefe, holzschnittartige, sexuelle Groteske über einen Mann und eine Frau und ein Kind und noch einen Mann: Dann breitet sich ein flaues, schales Gefühl aus. Dann tritt als Nachhall all des Überzeichneten eine brutale Wirklichkeit um so deutlicher hervor, die hinter Jelineks widerwärtigen Formulierungen wie albträumend verborgen ist. Und Elfriede Jelinek hat mit dem radikalen ästhetischen Projekt von "Lust" eine Zäsur hinterlassen. Bis man sich vor der Sprache selbst ekelt: Nur so kann man heute schreiben, wenn man, in aller Lächerlichkeit und Eindeutigkeit, Sex als Gewalt, als Herrschaftsverhältnis thematisieren will.

Elfriede Jelinek hat einen Porno geschrieben, was zunächst ja auch für Frauen erregend sein könnte. Die Handlung ist, wie bei diesem Genre zu erwarten, schnell erzählt; im Grunde ist es auf rund 250 Seiten eine Aneinanderreihung von Vorwänden, um von einer Stellung zur anderen, einem Abspritzen zum nächsten zu rattern. Seltsam wattiert wirken die Szenen, stumpfsinnig und brutal, in ihrer Direktheit dennoch ganz weit weg, weil auf ein wichtiges Stilmittel des Porno, die wörtliche Rede und das Geilheitsgestammel, im Buch verzichtet wird.

Eine Frau, ein Mann, ein Kind, alle namenlos für viele Romanseiten: Er regiert seine Frau, "die wehrlos wandelt", mit seinem Genital, das "krachend ins Unterholz ihrer Hose" einbricht, jederzeit und ununterbrochen, sein gutes Recht: "Seine Gier ist aufrichtig, sie paßt zu ihm wie die Geige unter das Kinn seines Kindes." Der Mann fällt über alle Körperöffnungen einer teilnahmslosen, besudelten Gattin her. "Er möchte ihre untere Hälfte aus ihren Häuten reißen und sie, noch dampfend, mit seiner guten Soße gewürzt, verschlingen." Und das Kind, "es läuft hinter dem Vater her, damit aus ihm auch ein Mann werden kann". Es ist, wie das unerträglich lebendig-virile Kind in Thomas Manns Erzählung "Tristan", im Imitieren der wichtigste Verbündete des Vaters gegen die Mutter: "Das Kind weiß alles." Die Frau flieht öfters in den Schnee, betrunken und im Schlafrock. Ein anderer Mann, ein anderer sexueller Berserker, sammelt sie eines Tages auf. Es ist ihr nicht unrecht, diese "Geschlechtsnarkose". Sie beugt sich seinem Begehren. Nur als sie es dann wenig später ist, die umgekehrt ihm ihr weibliches Begehren hinterherträgt, demütigt er sie. Fummelt öffentlich an ihr herum, preßt ihren Kopf in die urinfeuchte Unterhose. "Dann steckt er ihr noch eine vernünftige Zunge in den Mund" und schickt sie heim zu ihrem Mann. Der vergewaltigt sie. Am Ende erstickt die Frau, deren Individualität nur in ihrem Namen liegt, der Gerti lautet; am Ende erstickt Gerti ihren kleinen Sohn, den Nachwuchsmann.

Jeder Porno ermüdet. Und wenn Elfriede Jelinek einen schreibt, sich an die Regeln eines Porno hält: Dann kann man ihr genau das Ermüdende der Wiederholung nicht vorwerfen, den Überdruß und am Ende die Langeweile, wie es viele, man ahnt es: männliche Kritiker bei Erscheinen des Buches getan haben. Im Gegenteil, es ist ein Beweis für das Gelingen des Romans, auch wenn Jelinek behauptet hat, daß ihr Projekt gescheitert sei, weil es keine weibliche Pornosprache gebe; eine Behauptung, die genauso zum Programm des Romans gehört wie Jelineks bewußt mißlungene Metaphern. Sie sollen Gewalt antun. Aber nicht nur die Form, die den Inhalt absorbiert, ist die große Kunst der Jelinek. Wenn sie schreibt: "Das Kind schläft in seinem Gemächtnis", dann wird klar, daß höchstens James Joyce der Maßstab sein kann: Aus der verbogenen, mißhandelten Sprache dringt die brutale Wahrheit und Schönheit kraftvoller Assoziationen.

azz

Quelle: 17.03.2002, Nr. 11 / Seite 25

 

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