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Rezension: Belletristik : Eiswinde in Chicago

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An der Literatur erfroren: Peter Stamms gelungener Debüt-Roman

          Es ist ein naiver Glaube, daß in Amerika alle Geschichten gut ausgehen. Das muß auch der Ich-Erzähler dieses schmalen Romans erfahren. Und dabei fängt alles vielversprechend an: Seine Recherchen über Luxuseisenbahnwagen haben den Schweizer Sachbuchautor nach Chicago geführt, wo er Tag für Tag im viel zu warmen Lesesaal der Public Library sitzt. Aber die Eisenbahnen verlieren ihren Reiz, sobald er Agnes kennenlernt. Die fünfundzwanzigjährige Physikstudentin schwärmt für Kristalle und könnte fast seine Tochter sein. Rasch kommt man sich näher, das gemeinsame Glück scheint vollkommen. Selbst in der Großstadt ist noch Raum für romantische Zweisamkeiten zu entdecken.

          Soweit ist es eine alltägliche Geschichte. Doch Peter Stamm begnügt sich nicht damit, Bekanntes neu zu erzählen; sein Roman ist auch eine verstörende Parabel über die Macht der Literatur. Denn eines Tages besinnt sich Agnes auf den Beruf ihres Geliebten: "Schreib eine Geschichte über mich", bittet sie ihn, "damit ich weiß, was du von mir hältst." Der Vorschlag setzt ein tödliches Spiel in Gang. Zögernd schreibt der Autor die Chronik ihrer Begegnung nieder, und Agnes liest zufrieden die immer länger werdende Erzählung, in deren Hauptfigur sie sich wiedererkennt. Bis der Bericht eines Tages die Gegenwart eingeholt hat: Wie soll es weitergehen mit der literarischen Agnes und ihrem ebenfalls literarischen Schweizer Gefährten? Zunächst bleibt die Erfindung der Wirklichkeit nur um wenige Sätze voraus - ein prickelnder Reiz, der dem flüchtigen Moment Bedeutung verleiht. "Ist es gut so? Bist du zufrieden mit mir?", fragt Agnes besorgt ihren Freund, weil sie dem von ihm beschriebenen Arrangement eines gemeinsamen Abends entsprechen möchte.

          Allmählich entwickeln sich Literatur und Leben auseinander. Immer stärker erliegt der Schriftsteller dem Sog der Wort, und genießt die Macht über seine Erfindungen; Agnes ist ganz und gar sein Geschöpf geworden. Zur Katastrophe kommt es, als die junge Frau schwanger wird - im realen Leben, nicht in der Literatur. Der Erzähler reagiert darauf mit demselben Entsetzen, als hätte ihm ein Lektor sein gelungenes Manuskript zusammengestrichen; denn für seine Agnes ist eine Schwangerschaft nicht vorgesehen. Überstürzt flüchtet der werdende Vater zu einer anderen Frau und leugnet beharrlich seine Verantwortung für Mutter und Kind.

          Eine Fehlgeburt bringt das Paar nur scheinbar wieder zusammen. Noch immer von der Kraft seiner Imagination überzeugt, bietet der Erzähler Agnes literarischen Trost an, indem er die Geschichte ihres nie geborenen Kindes aufzuschreiben beginnt. Doch Literatur kann die Wunden der Realität nicht heilen. Am Ende ist Agnes verschwunden; für den Schriftsteller steht fest, daß sie den Tod gesucht hat, wie er es für den Schluß ihrer Geschichte entworfen hatte.

          Peter Stamm traut dem geschriebenen Wort viel zu, und er hat allen Anlaß dazu. Bislang hat der fünfunddreißigjährige Schweizer vor allem Hörspiele verfaßt; "Agnes" ist sein erster Roman. Dieser Wechsel ins erzählende Genre ist dem Verfasser auf beeindruckende Weise geglückt. Ein dichtes Netz von Verweisen durchzieht die fein aufeinander abgestimmten Kapitel des Buches, immer wieder findet Stamm suggestive Bilder für die Kälte und die Beziehungslosigkeit, in denen er seine Figuren gefangen sieht. "Das Geheimnisvolle ist die Leere in der Mitte", beschreibt die Physikstudentin Agnes ihre geliebten Kristallgitter und charakterisiert damit zugleich ihr eigenes Leben, in dem sich Liebe nur als literarische Illusion ereignet.

          Das unwirtliche Chicago ist ein angemessener Schauplatz für diese komplizierte Liebesgeschichte. Mit sicherem Blick skizziert Stamm den tristen amerikanischen Alltag zwischen Coffeeshop und Waschsalon, zu dessen Höhepunkten die schrille Halloween-Parade gehört. So wird die Begegnung zwischen Agnes und ihrem Schweizer Eisenbahnforscher auch zur Konfrontation von Alter und Neuer Welt. Es gehört zu den Vorzügen des Romans, daß Stamm weder für die eine noch die andere Seite Partei ergreift; vielmehr schildert er amerikanische Selbstbezogenheit ebenso wie europäische Vorurteile über das Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. Denn wie gesagt, auch in Amerika ist ein Happy-End keine Selbstverständlichkeit. SABINE DOERING

          Peter Stamm: "Agnes". Roman. Arche Verlag, Zürich/Hamburg 1998. 156 S., geb., 32,- DM.

          Agnes

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.1999, Nr. 94 / Seite 42

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