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Rezension: Belletristik : Einer wacht über die Welt

  • Aktualisiert am

Das Recht auf Gerechtigkeit ist unkündbar - Martin Walser führt "Finks Krieg" · Von Gerhard Schulz

          Stefan Finks Krieg ist ausgefochten, der Sieg errungen, der Held in den Schweizer Bergen mit der Welt versöhnt, das Buch über seinen Kampf steht auf der Bestsellerliste, wenngleich nicht sehr weit oben. Das Modell, der hessische Staatsbeamte Rudolf Wirtz, ist inzwischen pensioniert, und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Roman, die ohnehin nur einen kleinen Kreis wirklich ernsthaft interessiert hat, ist abgeflaut. Der Autor hat den Medien Rede und Antwort gestanden. Übrig bleibt, auf sich gestellt in der großen Welt der Literatur, ein weiterer Walserscher Roman, der vierzehnte.

          Ein vorwiegend auf Erfolg bedachter Routinier ist Walser bei allem Fleiß nie geworden, sonst hätte er sich wohl kaum diesen Stoff gewählt, aus dem nur Tollkühnheit oder große handwerkliche Selbstsicherheit poetische Funken zu schlagen versuchen kann: den Aktenkrieg eines Beamten um seine Ehre und nichts als seine Ehre. Keine Affären, keine Skandale, kein Sex, keine Gewalt, keine Drogen, keine Literatenmeditationen, keine hohe Politik, nur Querelen um Versetzung und Beförderung - Behördenkram also. Erreicht da der Reiter über den Bodensee sicher das andere Ufer, oder bricht das Eis seines Stoffes unter ihm ein?

          Walser hat sich gegen die Bezeichnung "Schlüsselroman" gewehrt. Das ist verständlich, obwohl er selbst Anlaß zu solcher Behauptung gegeben hat. Denn wer so nahe an der Küste des Wirklichen entlangsegelt, daß er Ignatz Bubis oder Joschka Fischer auftreten läßt, muß in Kauf nehmen, daß man ihn nicht auf der hohen See der Kunst wähnt, noch dazu wenn andere Figuren mit Namen wie Artemis, Franz Karl Moor oder Tronkenburg ausgestattet sind, die den Gedanken an Verschlüsselungen geradezu aufdrängen.

          Walsers Spiel mit Namen verschiedener Provenienz ist Teil des Versuchs, die Geschichte vom Krieg des Beamten Stefan Fink über ihre Wiesbadener Wirklichkeit hinauszuheben ins Reich der Poesie. Der Bezug von Literatur auf Mythen oder andere Literatur ist schon immer ein probates Mittel dafür gewesen. Aber Walser umgibt seinen Helden mit einer besonders reichlichen Portion davon: Dostojewski, Thomas Mann, Cervantes, Schiller und Musil, vor allem aber Heinrich von Kleist sind Gäste in diesem Beamtenroman. Ein Limburger Bischof und ein Darmstädter Kirchenpräsident, heißt es, hätten den um seine Ehre kämpfenden Fink einen neuen Michael Kohlhaas genannt, worauf der Held, kein Literaturkenner offenbar, sich mit der Kleistschen Novelle bekannt macht und darin den eigenen Feldzug um der Gerechtigkeit willen gespiegelt zu sehen glaubt. Seinen Hauptgegner nennt er deshalb "Tronkenburg" nach jener Burg, in der Kleists rechtschaffenem Roßhändler das folgenschwere Unrecht zustößt, das ihn zum Räuber und Mörder macht.

          Fink hingegen ist kein gewalttätiger Mensch; seine Kriegsgeräte sind Telefon und - dienstlicher - Fotokopierer. Ein modernisierter Kohlhaas also oder lediglich die vermessene Selbstheroisierung durch die Identifikation mit ihm? Kleists Novelle handelt von Äußerstem. Um sich Recht zu verschaffen, trifft Kohlhaas heraus aus aller staatlichen Ordnung, stellt ihre Legitimität in Frage und führt blutigen Krieg gegen die "Arglist" der ganzen Welt. Der jedoch kostet Unschuldige das Leben; Kohlhaas selbst aber kostet er seine gesamte Existenz und am Ende sogar den Kopf. Denn da er seinerseits Unrecht begangen hat, muß er um des Triumphes der Gerechtigkeit willen das Schafott besteigen.

          Angesichts dessen erscheint jeder Vergleich der Nöte des Roßhändlers mit dem Kummer des SPD-Mitglieds und Katholiken Stefan Fink in der hessischen Staatskanzlei grotesk. Gewiß entfremden sich Familie und Kollegen dem Starrköpfigen, aber der Krieg des Leitenden Ministerialrats ist ohne existentielles Risiko; er bleibt Beamter auf Lebenszeit, unkündbar und pensionsberechtigt. So ist er ganz in jenes "System" des Staates eingebunden, von dem er sich verletzt fühlt.

          Dem ließe sich allerdings entgegenhalten, daß Schmerz über Unrecht oder Kränkungen eine subjektive Empfindung ist und nicht vom Monatseinkommen abhängt. Wenn das jedoch stimmt, dann muß man letztlich auch den unzähligen gerichtlich ausgetragenen Streitigkeiten zwischen Nachbarn um Beleidigungen, Gartenzäune oder Hundegebell das gleiche Leidenspotential zugestehen. Denn Finks Beharren auf der Rücknahme eines unbegründeten Vorwurfs ist eher die Geschichte einer Obsession als die einer Passion.

          Das führt zum literarischen Handwerker Walser zurück. Literatur in der Literatur, Mythen, Zeitgeschichte, ein zahlreiches Personal von Juden, Katholiken, Protestanten, Grünen, Schwarzen und Roten, der Einbezug der Medien, voran natürlich diese Zeitung als "Edelmistblatt", "Fassadenkosmetikgazette", "Millionärsprawda" und "Hauszeitung des geistigen Deutschland" - das alles ist Teil jener schriftstellerischen Arbeit, die versucht, den sprödesten der Stoffe in eine gut konsumierbare, den Lesern ästhetisches Vergnügen bereitende Kunst zu verwandeln. Zu dieser Arbeit gehört schließlich auch Walsers prometheische Schöpfung eines anderen Ichs des Helden, des Bürgers Stefan Fink, der den Beamten Stefan Fink von Zeit zu Zeit zur Besinnung ruft und ihn unter anderem "in eine Diskussion über Michael Kohlhaas" hineinzieht, über deren Resultate wir freilich nicht unterrichtet werden.

          Was eigentlich sollen die vielen Bezüge auf andere Literatur bewirken? Soll der immer wiederkehrende Verweis auf Kohlhaas womöglich den deutschen Beamtenkampf in seiner Banalität enthüllen? Dafür gibt es keine Anhaltspunkte im Roman. Oder sollen wir ernsthaft an die Identität der Fälle glauben? Und was soll die Leidensfigur von Dostojewskis Fürst Myschkin? Walsers Fink, so besessen er sein mag, reicht nicht entfernt in die Abgründe von Dostojewskis Idiot. Was außerdem hat es mit Franz Karl Moor auf sich, und was hat Musils Mörder Moosbrugger in Hessen zu schaffen? Ich fürchte, daß die Vielzahl der Verweise und Anspielungen auf literarische Werke, von denen jeder Leser seine eigenen Vorstellungen hat, deren Wirkung letztlich aufhebt und eher irritiert, als Sinn zu intensivieren oder auch nur einer blassen Handlung Farbe zu geben.

          Zieht man den Autor selbst zu Rate, so zeigt sich von Interview zu Interview ein sehr unironischer, ernsthafter, bitterer, ja fast eifernder Walser. Sein Thema sei, so hat er gesagt, "das Leiden eines Menschen unter der Machtausübung nicht nur der Parteien, sondern aller gesellschaftlichen Gruppierungen", und "Leiden" wie "Machtausübung" als Themen seines Buches kehren bei ihm in diesen Gesprächen immer wieder. Nun braucht ein Autor ganz sicher nicht der beste Interpret seiner Werke zu sein, aber seine Ansichten haben Anspruch darauf, ernst genommen zu werden. "Ich kann Machtausübung nicht ertragen." Gewiß - aber muß man hier den Intellektuellen Walser nicht doch ein wenig naiv nennen? Ist gesellschaftliche Ordnung ohne "Machtausübung" und deren Instrumente, die Gesetze und Gerichte bei all ihrer Fehlbarkeit, überhaupt möglich? Geht es nicht eher um den feinen, im Einzelfall sicher schwer zu bestimmenden Unterschied zwischen Machtausübung und Machtmißbrauch?

          Das Feindbild von Walsers Fink - "die Mächtigen" und das "System" - kommt also dem des Autors verdächtig nahe, nur bleibt es für einen Leitenden Ministerialrat ebenso wie für einen so welterfahrenen und klugen Schriftsteller wie Walser doch einigermaßen undifferenziert. Freilich reißt Walser, nach dem mehr und mehr ermüdenden Bericht über Finks Briefe, Einsprüche, Pamphlete, über das Fotokopieren und das Anwachsen der Zahl von Leitzordnern, seine Leser im letzten Teil des Buches empor. Dankbar für neue Perspektiven und den Sog einer endlich wieder richtig erzählten Geschichte, folgen sie dem Helden in die Berge - und werden dann doch sogleich wieder fallengelassen. Denn im Asyl bei den freundlichen Nonnen findet Fink als erstes nur wieder Literatur: Teilhard de Chardin und Dostojewski. Das Kloster in Melchtal könnte überdies gar noch auf Schillers Spuren führen: Ist dieser Fink womöglich ein moderner Verwandter des Tyrannenmörders Tell?

          Das mag Absicht sein oder nicht. Enttäuschender als diese Reprise literarischer Bezüglichkeiten ist jener "Tractatus scatalogicus", den Fink, tatenlos und gedankenarm, nach Walsers Worten in der Einsamkeit der Berge schreibt. Die "peinlichen, schmerzlichen, grausamen Reize" aus der "Berufswelt" seien es gewesen, die den "Beamten Fink immer häufiger mit Arschloch und Drecksack, mit Scheiße und Fresse auf alles" reagieren ließen, "was ihm die Welt als Reiz servierte". Das ist so verständlich, wie es banal ist, und es wird nicht tiefsinniger durch den Einbau in eine zeitkritische Motivation.

          Banal schließlich ist auch Finks Weisheit letzter Schluß, daß das "System" einer "auf Herrschaft gegründeten Welt" am besten durch Zustimmung zu unterlaufen sei. "Nicken" wird zum symbolischen Akt, mit dem man sich über die Wirklichkeit erhebt. So jedenfalls lehrt den Beamten Fink ein zweites, bürgerliches Ich. Und tatsächlich: "Er nickt und nickt und nickt." Dieser Schluß von Walsers Roman, den wir doch wohl ironisch nehmen dürfen, kommt über eine Verlegenheitslösung nicht hinaus, ebenso wie das zweite Ich Finks, lässig eingeführt und inkonsequent durchgehalten, nicht wirklich Konturen annimmt. An Jean Pauls oder Hoffmanns Doppelgängergeschichten darf man dabei gar nicht denken. Einzuwenden wäre wiederum, daß nun eben die moderne Wirklichkeit selbst banal sei und es aus ihren anonymen Zwängen schlechterdings keinen anderen Ausweg gebe als den ironischer Zustimmung.

          Ein Erzähler jedoch hat es in erster Linie mit Menschen zu tun, nicht mit anonymen Kräften, so wirksam oder gefährlich diese sein mögen. Walsers erklärter Vorsatz, alle Personen "nur nach Maßgabe ihrer Unrechtsfunktion" auftreten zu lassen und sie "aller Privatheit" zu entkleiden, hat seinem Roman gewiß nicht zu größerer Fülle und Farbigkeit verholfen. Gerade die äußerste Privatheit seiner Geschöpfe in den früheren Romanen hat diesen ihre besondere Popularität verschafft. Schreibt Walser jetzt also gegen die eigenen Neigungen und Fähigkeiten an, oder war da früher manches nur durch die Fülle der Jugend überdeckt, was jetzt im Alter deutlicher hervortritt? Stärker als anderswo in Walsers Werk schimmern hier jedenfalls Ideen und Ansichten des Autors durch und hemmen die Entstehung einer poetischen Realität, in die sich die Leser zu Lust und Gewinn versenken können. Die Langeweile ist der Fluch dieses Romans, obwohl Walsers Kunstsinn immer wieder gegen sie aufbegehrt und sie durch immer wieder neue Personen oder die Erfindung von Mythen wie derjenigen von Franz Karl Moors Liebesgöttin Aiaia zu vertreiben versucht. So schwankt der Roman zu seinem Nachteil zwischen Kunstwerk und Traktat.

          Am deutlichsten macht sich das bemerkbar, wo Walser ein Thema berührt, das ihm am Herzen liegt: die Deutschheit seines Stoffes. Denn das Berufsbeamtentum mit seinen Privilegien und existentiellen Sicherheiten ist eine spezifisch deutsche Einrichtung, und nur unter diesen Bedingungen ist der Fall Fink überhaupt denkbar. Deutschsein aber heiße, hat Wagner einmal gesagt, eine Sache um ihrer selbst willen tun. Ist das letztlich auch der Kern des Falles Fink? Begegnet einem hier vielleicht ein Typ, dessen Insistieren auf dem Rechthaben um jeden Preis und dessen Mangel an Pragmatismus in deutschen Landen öfter zu finden sind als anderswo? Sicherlich liegt nahe, daß man zumindest außerhalb der deutschen Grenzen dieses Buch in solchem Sinn lesen möchte und dann doch irritiert wird von den allzu deutlich spürbaren Sympathien des Autors für seinen Helden.

          Walser hat sich wegen einiger Bemerkungen Finks in seinem "Tractatus scatologicus" über die Schuld, die sich die Deutschen in diesem Jahrhundert aufgeladen haben, den Vorwurf eingehandelt, "deutsch-nationale Merkwürdigkeiten" ausgebreitet zu haben, zu Unrecht, wie ich glaube. Der zentrale Satz dafür - "Die deutsche Geschichte ist aus der Hitlerscheiße nicht herausgekommen, sondern die Hitlerscheiße wird so am Kochen gehalten, daß wir jederzeit mit ihr eingedeckt werden können" - mag Walser Beifall von der falschen Seite einbringen. Aber die Worte stammen zunächst einmal nicht von ihm, sondern von einer seiner Gestalten, eben einem deutschen Beamten. Zudem enthalten sie als Wahrheitskern die Beobachtung, daß die wachsende Distanz der Zeit nicht abnehmendes, sondern eher zunehmendes Interesse für die "Hitlerscheiße" hervorzurufen scheint. "Die Welt wacht über uns", notiert sich der Deutsche Fink, und Walser sympathisiert auch hier mit ihm. In der Tat: die Welt wacht über uns, heute mehr noch als gestern. Aber Walser beläßt das Spezifische der Deutschheit des Finkschen Konfliktes im Beiläufigen, statt es in das allgemeine Thema des Leidens unter der Macht zu integrieren.

          Erreicht der Reiter über den Bodensee also am Ende wirklich in nachtwandlerischer Sicherheit festes Land? Walser kennt sich in diesen Gewässern zu gut und zu lange aus, als daß er einbräche und versänke. Aber fest ist das Eis nicht, auf dem hier geritten wird, und am Rande hat es schon getaut, so daß Roß, Reiter und Roman nur noch schwimmend und mit einiger Anstrengung ans Ufer gelangen.

          Martin Walser: "Finks Krieg". Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 310 S., geb., 42,- DM.

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