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Rezension: Belletristik : Eine Mizzebill küßt nicht gern

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Birgit Vanderbekes Vexierspiel "Alberta empfängt einen Liebhaber"

          Birgit Vanderbekes neues Buch "Alberta empfängt einen Liebhaber", ein kleiner Roman oder eine lange Erzählung, ist auf literarische Weise so etwas wie eine optische Täuschung, eine dialektische Escher-Bildfolge. Also eine in drei Kapiteln.

          Das erste Kapitel heißt "Eine Mizzebill": "Eine Mizzebill ist so ziemlich das Übelste, was einem Mann passieren kann." Zunächst erzählt Alberta ihre verquere Liebesgeschichte mit Nadan, eine Geschichte von unmöglicher Nähe und schmerzhafter Ferne. Die fängt früh an: Schon mit dem ersten Kuß, noch zu Zeiten, als das "Kreuz-und-quer-durcheinander-Küssen" gegen den Vietnamkrieg helfen sollte, klappt es nicht. Da sitzen die beiden eine "halbe Nacht auf einer umgefallenen Fichte" und schweigen sich an, und je länger sie schweigen, "um so weniger mag man sich": "Küssen kam mir beim Herumsitzen und Darüber-Nachdenken allmählich zudringlich und pervers vor." Das ist die eine Modellsituation von Vergeblichkeit, die sich durch dieses Kapitel zieht.

          So kommen die beiden nicht zueinander und suchen sich andere Partner, sie Rudi und er Bettina. Doch bald sind alle wieder "in verschiedene Richtungen friedlich auseinandergegangen". Und Nadan denkt "an ein richtiges Leben und eine richtige gemeinsame Zukunft". Und plant ein Haus für Alberta. In diesem Haus, "halbfertig und zugleich schon eine Ruine", sitzen sie zehn Jahre später und entdecken mal wieder, "daß wir uns schon unser Leben lang lieben . . . Und dann sind wir durchgebrannt."

          Mit dem Durchbrennen beginnt das Buch, und mit seinem Mißlingen endet das erste Kapitel. Sie kommen nicht weit, ein Unfall spielt Schicksal, sie landen in einem Hotel etwas abseits der Autobahn. Und wieder will es nicht klappen: Es ist ein scheußliches Hotel, Vatertagsgegröle rundum, und immer wenn Alberta mit Nadan zusammenkommt, wird ihr übel, und Nadan bekommt seine Migräne. Am Morgen, als Alberta Nadans "profane Gurgelgeräusche beim Zähneputzen" hört, "verstand ich . . ., daß Liebe im Kopf viel leichter ist als Liebe im Leben". Aber weil Nadan sich mit Migräne nicht hinters Steuer setzt, bleiben sie noch "bis Sonntag". Und trennen sich am Sonntag nachmittag. Nadan geht nach Arizona. "Ich ging nach Lyon."

          Das zweite Kapitel heißt "Jean-Philippe" und eröffnet mit dem Satz: "Es ist schon einige Jahre her, seit ich die Erzählung ,Eine Mizzebill' schrieb", eine neue Ebene - gleichsam als Antithese zum ersten Kapitel, das die Geschichte vom Mißlingen einer Beziehung erzählte; denn nun ist die Erzählerin verheiratet mit Jean-Philippe, und die beiden haben eine Tochter, Cécile. Jean-Philippe arbeitet in Lyon am philosophischen Institut, er bleibt die Woche über oft dort in einer kleinen Wohnung. Seine Frau, eine Schriftstellerin, lebt mit Cécile in einer kleinen Stadt an der Rhône, wo sein Vater einen Weinberg bewirtschaftet. Sie schreibt offensichtlich Erzählungen und übersetzt einen Roman des französischen Autors Vallot.

          Bevor sie die Erzählung "Eine Mizzebill" zusammen mit anderen Geschichten zur Veröffentlichung abschicken will, gibt sie Jean-Philippe den Text zu lesen: "Was für eine böse Geschichte", ist sein Kommentar, aber sie sei "noch lange nicht fertig . . . Da kommt noch allerhand nach, was nicht so lustig sein wird." Sie ist verärgert: "Es klang, als wüßte Jean-Philippe mehr über diese Geschichte als ich. Und es klang unversöhnlich . . . Es ist der Ton, in dem ein Mann spricht, wenn er einer Frau den Krieg erklärt." Sie ist verwirrt und legt die Geschichte von der Mizzebill beiseite, einen ganzen Sommer lang. Im Herbst kommt Jean-Philippe auf sie zurück, fragt seine Frau: "Und was macht deine Alberta? Geht's ihr gut, deiner Alberta?" Und plötzlich sind wir wieder mitten in der Erzählung "Eine Mizzebill", jedenfalls in der Geschichte von Alberta und Nadan, die von ihrer Autorin aufgenommen und fortgeschrieben wird.

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