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Rezension: Belletristik Ein Wilder auf dem Berg der Seele

18.10.2000 ·  Alte Stücke, schlechte Übersetzungen: Gao Xingjian in Deutschland

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Die deutschen Sinologen rotieren. Aufgeregt drehen sie sich im Scheinwerferlicht, das die überraschende Auszeichnung des chinesischen Exilautors Gao Xingjian mit dem Literaturnobelpreis auf ihre sonst so wenig behelligte Zunft geworfen hat. Auf der richtigen Fährte gewesen zu sein, bescheinigen sich die, die in den vergangenen Jahren den Kontakt zu dem bisher Unbekannten gepflegt hatten. Von einer Fehlentscheidung sprechen jene, die auf einen anderen chinesischen Preisträger gesetzt hatten. Der Heidelberger Sinologieprofessor Rudolf Wagner bezeichnet Gao als jemanden, der die Anbindung Chinas an die Weltliteratur verkörpere, nicht ohne dabei die Anbindung Gaos an das Heidelberger Institut zu betonen. Als schärfster Kritiker ist dagegen Wolfgang Kubin hervorgetreten, Inhaber des Lehrstuhls für Sinologie an der Universität Bonn und Übersetzer der Lyrik des bekannteren Favoriten Bei Dao. Auch in Hamburg bezweifeln einige Dozenten, daß in Stockholm alles seine Richtigkeit hatte, dem harten Urteil von Kubin möchte sich dort jedoch niemand anschließen.

Diejenigen, die in Deutschland an die Originalität von Gaos Literatur glauben, müssen jetzt schnell handeln, wenn sie noch ein Wörtchen mitreden wollen. Eine Gruppe von Heidelberger Sinologen übersetzt seit dem vergangenen Wochenende theatertheoretische Schriften von Gao, um die derzeit frei herumpurzelnden Versatzstücke seines Schaffens wenigstens wissenschaftlich aufzufangen. Drei druckfrische Vorausexemplare des Sammelbandes wollen sie am heutigen Mittwoch in Anwesenheit des Autors auf der Buchmesse präsentieren. Dem deutschen Leser, der nun endlich einmal die Literatur des Gao Xingjian in Augenschein nehmen will, ist damit noch nicht geholfen; seriöse literarische Übersetzungen lassen sich in so kurzer Zeit nicht anfertigen. Die Ankündigung des Bochumer Universitätsverlages Brockmeyer, die drei vergriffenen Ausgaben von Gaos frühen Theaterstücken nachzudrucken, klingt für viele Sinologen wie eine Drohung. Die deutschen Versionen von "Die Busstation", "Die Wilden" und "Auf der Flucht", alle im Rahmen von Magisterarbeiten entstanden, bestechen nicht durch ihre sprachliche Eleganz. "Wenn diese Bücher auf den Markt kommen, ist Gao für die deutschen Leser gestorben", fürchtet Susanne Weigelin-Schwiedrzik, Professorin für Moderne Sinologie an der Universität Heidelberg.

Andrea Riemenschnitter, die sich ebenfalls in Heidelberg mit dem Theater Gao Xingjians befaßt, sieht noch ein anderes Hindernis für die Rezeption von Gaos dramatischem Werk in Deutschland: Es gab bisher keine gelungenen Aufführungen. "Dramentexte werden meist von Leuten gekauft, die ein Stück gesehen haben", sagt sie. Ein Versuch, dem Drama "Die Wilden" 1985 am Hamburger Thalia-Theater Bühnenleben einzuhauchen, endete in Schimpfkaskaden der Rezensenten; auch die Aufführung von "Auf der Flucht" an den Nürnberger Kammerspielen erntete wenig Lob.

Der Mißerfolg mag unter anderem an der Auswahl dieser Stücke liegen, deren literarische Qualität an Gaos spätere Werke nicht heranreicht. "Die Busstation" verursachte in China zu Beginn der achtziger Jahre einen Aufruhr. Was mit westlichen Augen gesehen wie eine Neuauflage von "Warten auf Godot" erscheint, war für das damalige chinesische Publikum formal ungewohnt und wurde als versteckte Aufforderung zum zivilen Ungehorsam verstanden. Ebenso ist das Stück "Auf der Flucht" eher aus politischer denn aus literarischer Sicht interessant. In seiner Aufarbeitung der Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz verhöhnt Gao die Grausamkeit der chinesischen Regierung und den Idealismus der Dissidenten gleichermaßen - mit der Folge, daß er damit beide Seiten gleichermaßen verärgerte. Als schlecht geeignet für ein deutsches Publikum erwies sich aus einem anderen Grund das Stück "Die Wilden", dessen Handlung sich um die Suche nach einem legendären Urmenschen rankt. Die mannigfaltigen Anspielungen auf chinesisches Volksbrauchtum verschlossen sich dem ungeübten abendländischen Publikum, die darin verwobenen modernen Themen wie eheliche Untreue oder Umweltzerstörung waren dagegen für den Westen nichts Neues.

Worin soll sie sich also zeigen, die "universale Gültigkeit", die die Schwedische Akademie Gao in der Begründung der Preisverleihung bescheinigt? Einen Anspruch auf dieses Etikett erheben Gaos neuere Theaterstücke, in den neunziger Jahren in Paris entstanden und die Synthese dessen, was der Autor aus der östlichen und westlichen Geistesgeschichte herausgefiltert hatte. Auf der Bühne mischen sich Traum und bewußtes Erleben, Diesseits und Jenseits. Die Verwirrung wird auch mit sprachlichen Mitteln dargestellt, nach dem Vorbild zenbuddhistischer Rätsel, sogenannter Koans (chinesisch Gong'an), verläßt der Text oft die Logik der Sprache, um die Unzulänglichkeit dieses Ausdrucksmittels vor Augen zu führen. Die zwei Protagonisten in dem Drama "Dialog und Gegenrede", die als Mann und Frau einander nicht verständlich machen können, verirren sich im Geflecht der Sprache, bis ihre Ausdrucksmöglichkeiten sich auf das Wort "ein Riß" reduziert haben. Erst an diesem Nullpunkt erlangen sie die Fähigkeit zum intuitiven Erkennen: Erst am Ende des Stücks erblicken sie den buddhistischen Mönch, der das Geschehen auf der Bühne die ganze Zeit über pantomimisch begleitet hatte.

In seinem Roman "Der Berg der Seele", in dem ein Mann sich auf die Suche nach dem imaginären und nie zu erreichenden Ort des Titels macht und dabei den gebirgigen Südwesten Chinas durchstreift, mischen sich Essay und historische Anekdote mit erzählenden Textteilen und innerem Monolog. "Gao schreibt nicht für ein breites Publikum", sagt Zhu Jinyang, Dozent für chinesische Sprache an der Universität Hamburg. Eine gelungene Übersetzung von Gaos Romanen hält er nur dann für möglich, wenn ein deutscher Sinologe mit einem chinesischen Partner zusammenarbeitet, der die buddhistische und daoistische Symbolik erkennen und dechiffrieren kann. Man mag es wie Zhu sehen, daß Gao nur für Intellektuelle schreibt - auf jeden Fall schreibt Gao für Menschen, die wie er Grenzgänger zwischen zwei Kulturen sind. Das wenig Eingängliche an Gaos Texten ist der Wechsel zwischen den Mentalitäten.

Ost und West sind in Gaos Werk Gegensätze, die einander an der Schwelle zum einundzwanzigsten Jahrhundert ebenso ergänzen wie Bewußtes und Unbewußtes, Realität und Fiktion. Gao glaubt daran, daß ein Schriftsteller heutzutage aus dem ganzen Angebot an östlicher und westlicher, an antiker und moderner Kultur auswählen und diese Elemente in seinen Werken verdauen könne. Danach, ob seine Leser ebensoviel verarbeiten können, fragt Gao nicht.

Ob sie sich den nicht leicht verdaulichen Happen einverleiben wollen, werden die deutschen Verlage sich deshalb gut überlegen, und sie werden aufpassen, wie Gao und seine Fürsprecher sich am heutigen Mittwoch auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren. Es ist unwahrscheinlich, daß Gao seinem Publikum beim Kauen behilflich sein wird. Im Wechselspiel zwischen den persönlichen Identitäten des unkonventionellen Nobelpreisträgers scheint es, als habe in seiner derzeitigen Schaffensphase nicht der Schriftsteller, sondern der Maler den Vorrang. Zur Vernissage seiner aktuellen Gemäldeausstellung möchte Gao bereits am Donnerstag wieder in Paris sein.

SABINE MUSCAT

Der Berg der Seele; Auf der Flucht

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2000, Nr. 242 / Seite 73
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