12.06.1998 · Martin Walsers neues Buch als Fortsetzungsroman in der F.A.Z.
Als Martin Walser kürzlich der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zugesprochen wurde, galt diese Ehrung vor allem der beharrlichen Energie, mit der er in seinen Romanen, von den "Ehen in Philippsburg" (1957) bis zu "Finks Krieg" (1996), an einer literarischen Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik gearbeitet hat. Schon immer war er dabei seinen Helden auf unheimliche Weise nah, ohne je mit ihnen verwechselt werden zu können. Er schilderte ihre kleinsten Ticks und verborgensten Tücken von innen heraus, aber zugleich mit der kühlen Präzision, die nur der Außenblick erlaubt. Auch dort, wo schon in den ersten Sätzen ein redseliges "Ich" auftrat, konnte niemand auf den Gedanken kommen, hier werde autobiographisch erzählt. Walsers Romane enthielten nie die Geschichte ihres Autors, sondern immer die kollektive Autobiographie seiner Leser.
In diesem Buch, vor dem Walser lange gezögert zu haben scheint, ist alles anders. Es enthält die nachgetragene Vorgeschichte der bundesrepublikanischen Romane, und sein Material ist unverkennbar die Kindheit und Jugend des Autors in Wasserburg am Bodensee in den Jahren 1932 bis 1945, auch wenn der Held Johann heißt. Nur scheinbar folgt Walser damit dem derzeit allgegenwärtigen Imperativ: Erinnere dich! Polemisch weist er die Vorstellung ab, "Vergangenheit könne man wecken wie etwas Schlafendes, zum Beispiel mit Hilfe günstiger Parolen oder durch einschlägige Gerüche". Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit setzt er dagegen die Paradoxie eines interesselosen Interesses an der Vergangeheit. Mag sein, daß deshalb dieses Kindheitsbuch Walsers so spät kommt: weil hier einer gewartet hat, bis sie auf ihn zukam.
Ein Schlüsselsatz in diesem Buch lautet: "In einem Dorf ist alles wichtig." Er bringt die Fülle der unspektakulären Gestalten und Geschehnisse hervor, die den jungen Johann umgeben. Eine Schlüsselfigur ist diejenige, die den Dialekt haßt und ihn stets ins Hochdeutsche übersetzt. Das ganze Buch hat etwas vom Übersetztsein aus dem Mündlichen, sein Schriftdeutsch ist von den Redensarten der Dörfler am Bodensee durchtränkt: "So was lebt, und Schiller mußte sterben." Nicht als Teil einer Ideologiegeschichte, sondern als Elemente der Sprachgeschichte rücken die Parolen der Nazis an die Seite der Redensarten und heruntergebeteten Litaneien. Schon der kleine Johann legt sich auf Geheiß des Vaters kleine Wörterbücher an: Wachsende "Wörterbäume". Der mit dem Jungen größer werdende Wortschatz wird zum Schatz aus Worten.
Auch in diesem Buch Walsers werden viele Leser die eigene Geschichte wiedererkennen. Zur Autobiographie seines Autors aber wird es dadurch, daß es in unaufdringlicher Beiläufigkeit nicht nur vom Alltag in Deutschland bis 1945, sondern zugleich vom Heranwachsen eines Schriftstellers erzählt. Wir drucken "Ein springender Brunnen" von morgen an in dieser Zeitung als Fortsetzungsroman. LOTHAR MÜLLER