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Rezension: Belletristik : Ein paar Seerosen, immerhin

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Wieso uns Gilbert Adair diesmal nicht überrascht hat / Von Michael Maar

          Hase und Nachtigall - wo die eine so früh zu trappsen beginnt, weiß man vom andern bald, wo er langlaufen wird. Der jüngste Roman Gilbert Adairs, "Liebestod auf Long Island", beginnt damit, daß ein alternder, berühmter, in seiner Arbeit stockender Schriftsteller einen Spaziergang macht, auf dem er den Anhauch von etwas Fremdem erfährt. Im zweiten Kapitel wird mit der Vorgeschichte des verwitweten Helden die Liste der Werke nachgereicht, die ihn auf den Höhepunkt des Ruhms geführt haben. Scheiternde Flucht im dritten Kapitel - der in den Bann Gezogene bäumt sich gegen sein Schicksal auf und will den Ort verlassen, an den es ihn verschlagen hat, kein Strandhotel, sondern ein altes Kino, was aber erblickt er in diesem Moment? Einen bezaubernden Knaben, den Jugendstar Ronnie, dem er in den nächsten Kapiteln rapide verfällt. Erschlafft sinkt er im Sessel zurück und überläßt sich dem Verheißungsvoll-Ungeheuren, erfährt neue Anregung zu schriftstellerischem Schaffen, verfaßt, weil es ein Adagietto nicht sein kann, ein Adagio, träumt einen bedeutungsvollen Traum, nach dem der Rest des Widerstands dahin ist, und hat einen letzten Friseurbesuch, bevor er die "unausweichlichen, unersetzlichen, die abgedroschenen und heiligen Worte" spricht, "unmöglich hier, absurd, verworfen, lächerlich und heilig doch", wie es in der Quellschrift heißt, bevor also mit der Liebeserklärung des entwürdigten Literaten an den göttlich banalen Knaben die Geschichte ihr Ende findet, die vom Titelkopf bis zu den Zehen den "Tod in Venedig" Manns parodiert.

          In dessen Sinne parodiert allerdings, im Sinne der respektvollen Auflösung, der die Vorlage nicht nur lächerlich, sondern auch heilig ist, so wie es die unmögliche Liebeserklärung war. Nichts anderes ist auch Adairs Roman, binnenliterarisch betrachtet, eine unmögliche Liebeserklärung, vorgetragen von dem Jungen an den Alten, der ebenfalls behauptet hatte, ein heimlicher Parodist zu sein, dem es aber doch ernst war mit der Handlung um das homoerotische Gefühlserlebnis. Viel ehrwürdig Überliefertes, viel Platon und Mythologie hatte er aufbieten müssen, um damit unter die Leute gehen zu können; nun zählt sein eigenes Werk zum ehrwürdig Überlieferten, und es ist der Jüngere, der sich an ihm festhalten kann.

          Auch er kommt von einem Thema nicht los, und das ist das Thema der Obsession. "The Holy Innocents", Adairs ältester und noch unübersetzter Roman, erzählt von einem jungen Cinéasten im Paris der Mai-Unruhen, der in eine folie à trois verstrickt wird und in einem Hörselberg endet, aus dem erst die gewaltsamen Demonstrationen ihn retten. Es gibt eine außerordentliche Frauenfigur in diesem Pariser Sündenberg, aber was im Herz der Finsternis glüht, enthüllt sich am Ende als der mann-männliche Akt. Wie beim "Liebestod auf Long Island" hat es etwas Entnervendes, mit wieviel Pomp und Andeutungsgewese der Schleier vor diesem Geheimnis weggezogen wird. Das ist das Problem mit den Obsessionen: Sie sind langweilig, die wenigen Fälle ausgenommen, in denen ein Ausnahmewerk die Regel widerlegt. Ein zweites, technisches Problem gibt es mit ihnen. Wenn sie wirken sollen, müssen sie auf Dämonenpfoten heranschleichen und ihr Opfer langsam von innen aushöhlen.

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