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Rezension: Belletristik : Ein Mathe-Epiker

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Keine Rezension würdigt diesen Mann. Kein Lob rühmt ihn. Kein Verriß zerlegt seine Bücher in ihre Einzelteile. Offen gesagt: Wer allein in Zeitungen nach ihm Ausschau hielte, wüßte noch nicht einmal, daß es ihn gibt. Sein Name tauchte dort in den vergangenen fünf Jahren exakt einmal auf. Es stellt sich folgende ...

          Keine Rezension würdigt diesen Mann. Kein Lob rühmt ihn. Kein Verriß zerlegt seine Bücher in ihre Einzelteile. Offen gesagt: Wer allein in Zeitungen nach ihm Ausschau hielte, wüßte noch nicht einmal, daß es ihn gibt. Sein Name tauchte dort in den vergangenen fünf Jahren exakt einmal auf. Es stellt sich folgende Frage: Wie haben denn eigentlich die mehreren hunderttausend Leser, die seine Bücher zu Bestsellern im literarischen Niemandsland machten, von ihm erfahren?

          Bei mir war das so: Über Wochen, ja Monate verzeichnete die Internet-Seite von "amazon.de" unter den bestverkauften Büchern den Roman eines Deutschen, dessen Name mir nichts sagte und dessen Buch ich nicht gelesen hatte, obwohl es schon vor zwei Jahren als Hardcover erschienen war. Dieses Buch, von dem kaum eine Zeitung Notiz nahm und das mehrere Verlage abgelehnt hatten, hat sich offenbar wie eine dünne, gierige Fräse durch die Tiefenschichten einer literarisch nicht anspruchslosen Öffentlichkeit gefressen. Denn Andreas Eschbachs Roman "Das Jesus-Video" ist ein Thriller, dessen Schwächen eine Literaturkritik wie die gängige wunderbar geißeln könnte; dessen Stärken, ja dessen Ingenium ihr aber auf immer verborgen bleiben.

          Es war "amazon.de", also unser Buchhändler oder besser: das Plebiszit seiner Kunden, das den Wunsch weckte, die Bücher dieses Autors - und am Ende auch ihn selbst - kennenzulernen.

          Eschbach ist: 1. ein Luft- und Raumfahrttechniker, der vom Computeringenieur zu einem der erfolgreichsten Arno-Schmidt-Stipendiaten wurde und diese Anomalie noch durch die Paradoxie verstärkt, sich zu Konsalik zu bekennen, was man bedauern muß, weil Konsalik unter den Unterhaltungsschriftstellern der schwächste ist. 2. der wohl vielversprechendste Science-fiction- und High-Tech-Autor der jüngeren Generation, der das Zeug hat, zu einem deutschen Michael Crichton zu werden, sofern er imstande ist, mit Thomas Mann zu sprechen, des Debordierenden seiner Phantasie Herr zu werden.

          Eschbach ist ein Unterhaltungsschriftsteller. Aber so wie er schreibt, Hohlbein und Haefs eingerechnet, ein absoluter Ausnahmefall: Er ist Epiker, und er ist Mathematiker, das heißt, er ist imstande, einen literarischen Kosmos nicht nur zu bevölkern, sondern auch funktionsfähig zu halten. Funktionsfähigkeit von Literatur ist bei der Unterhaltungsliteratur das, was man gemeinhin "Spannung" nennt. Das Rätsel des "Jesus-Video", in dem es um das authentische Video von Jesus Christus geht, gewinnt diese Spannung durch die offenkundige Absurdität eines Plots, dessen rationale Aufklärung - wie bei Crichtons recht schwachem Roman "Timeline" - den Leser bis zur letzten Seite in Atem hält.

          Eschbachs neuer Roman "Eine Billion Dollar" handelt davon, daß aufgrund einer uralten Weissagung ein harmloser New Yorker Pizzabote ein Vermögen von einer Billion Dollar erbt. Einer seiner Vorfahren hat umgerechnet zehntausend Dollar vor Jahrhunderten angelegt, und die Summe ist seit der Renaissance durch Zins und Zinseszins gewaltig angewachsen. Eschbach erzählt die Geschichte vom Butt und seiner Frau seitenverkehrt. Der Wunsch ist erfüllt; aus dem Palast wird auch keine Hütte, sondern er bleibt Palast. Alles ist möglich. Alles käuflich. Und was wird nun? Der arme ehemalige Taxifahrer soll nämlich - darunter macht es Eschbach leider nicht - die Welt retten.

          Die hübsche Idee des einundvierzigjährigen Eschbach geht nicht überall auf, und der Kaufrausch, den der sich überidentifizierende Leser mit einer Milliarde Dollar durchlebt, verliert, was ja auch nicht schlecht ist, bald seinen Reiz. Aber es steckt doch genug Skurrilität und Phantasie in diesem Projekt, um dem Erzähler treu zu bleiben. Denn Eschbach hat exorbitante Recherchen betrieben (nicht alle ganz korrekt), Betriebs- und Volkswirtschaft mit Kunstgeschichte und Computertechnologie verbunden: ein ziemlich abgedrehtes Gesamtkunstwerk unserer materiellen Träume. Leider aber auch der ideellen: Ein bißchen zuviel Gutmensch steckt in dem Helden, ein bißchen zuviel romantisch-idealistisches Deutschtum. Das wird sich geben. Eschbach wird lernen, daß die zynische Kälte der amerikanischen Thrillerautoren nicht nur Ideologie, sondern auch Ästhetik ist und erst dadurch das Weltbild verwandelt.

          Hier soll nicht mehr stehen als dieser Hinweis auf diesen Autor - einen Autor, der des Hinweises gar nicht bedarf und der ihm am Ende bei seiner Leserschaft sogar schaden möchte. Damit aber ist das Dilemma beschrieben. Eschbach scheint ein ungemein produktiver Schriftsteller zu sein, der von Einfällen und Ideen geradezu heimgesucht wird - daß er den Fortsetzungsroman der "Sonntagszeitung" aktuell, in Echtzeit, schreibt, zeigt, welchen Mut er hat. Die Gegenkontrolle durch den Stil, die Arno-Schmidt-Seite in seiner Konsalik-Seele, das wäre ein Versuch wert: Es könnte etwas sehr Aufregendes daraus werden. Dann weiß er auch, daß er die großen Weltfragen nach Sinn und Sein und den letzten Dingen gar nicht beantworten muß. Er hat doch eine viel wichtigere Frage mit diesem Thriller längst beantwortet: die Frage nämlich, was man an einem dunklen, kalten, wolkenzerfetzten Herbstabend mit sich anfangen soll: Eschbach nehmen und lesen.

          Andreas Eschbach: "Eine Billion Dollar". Roman. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 2001. 734 S., geb., 46,- DM.

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