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Veröffentlicht: 09.07.1996, 12:00 Uhr

Rezension: Belletristik Ein Kügelchen am Abend

Sehr dichtermäßig aus Paris: Albert Cosserys ägyptischer Roman

Drei Merkwürdigkeiten fallen bei der Beschäftigung mit diesem Roman auf. Er ist, von einem in Kairo geborenen und aufgewachsenen Ägypter verfaßt, weder auf englisch, für die Gebildeten, noch auf arabisch, für das lesekundige Volk, sondern auf französisch geschrieben, also - mit ein paar Ausnahmen - nicht für Ägypter. Sodann nennt sich der Autor Albert Cossery, als ob er irgendwo zwischen Boulogne-sur-mer und Toulon geboren wäre, er versteckt seine Nationalität. Schließlich: Als das Buch zum erstenmal erschien, 1955, war gerade König Faruk gestürzt, Nasser hatte sich der Regierungsgewalt bemächtigt, und die Geschichte Ägyptens ging höchst dramatisch weiter. Von alledem in diesem in Kairo spielenden Roman kein Wort. Es treten nur irgendwelche Regierenden als eine Schurkenbande auf, auch bei der Neuauflage des Jahres 1990, der die deutsche Übersetzung folgt.

Manches von diesen Sonderbarkeiten hellt sich auf, wenn man Albert Cossery aus der Nähe betrachtet. Die wohlhabenden Eltern schickten das Kind auf das Kairoer "Lycée français". Da verliebte der Pennäler sich in Baudelaire und wollte Dichter werden wie er. Das ging in Kairo nur sehr schwer - also, kaum war der Dichterkarrieren hemmende Zweite Weltkrieg zu Ende, auf nach Paris. Der Ägypter verwandelte sich dort in den Pariser Albert Cossery, bezog, durchaus dichtermäßig, ein Hotelzimmer und blieb darin wohnen bis heute. Er fand namhafte Freunde, an der Spitze Albert Camus, und war im Viertel Saint-Germain gern gesehen.

Für diese Freunde war er nicht als Existentialist interessant, sondern eher als Ägypter, als Geschöpf aus einer fremden, unbeteiligten, primitiven Welt, über die man gerne Näheres und am liebsten Verteufeltes erfuhr. Er lebte sich ein, aber paßte sich nicht der obligaten Eleganz des Gastlandes an, sondern blieb und malte mit wuchtigen Pinselstrichen das Kairo der kleinen Leute, der armen Teufel, der Barbaren, der philosophischen Bettler und der miserabel bezahlten Beamten.

Da reichte es aus, die herrschende Schicht als europäisch verfremdet, vor allem aber als ausbeuterisch und bösartig darzustellen, oder vielmehr in Nebel und Finsternis zu tauchen. So erkennt der Einheimische auf der König-Fuad-Allee nur "die düstere Erhabenheit der Gebäude und die gradlinige Strenge der Gehwege". Es ist ein trauriger Wohlstand, und der Beobachter, der Beamte El Kordi, sehnt sich geradezu nach den schmutzigen Gassen und elenden Behausungen der Armenviertel, wo die Bewohner sich über ihre Unterdrücker lustig machen. Denn, so ist diesem drastischen Führer zum Existentialismus zu entnehmen: Armut macht frei.

Darum ist die Hauptfigur des Romans der Bettler Gohar, der einmal Professor für Literatur und Geschichte war, aber die Stellung und das Vortragen von wohlstilisierten Lügen aufgegeben hat. Nun wird er als Meister verehrt und wandert, Freunde suchend und die Buntheit der Welt genießend, durch die Gassen. Er würde rundum glücklich sein, wenn er nicht doch unter einem Mangel litte. Er braucht jeden Abend ein Kügelchen Haschisch, und das muß er bezahlen. Zu den für Westmenschen unvorstellbaren Rauheiten dieser farbenfrohen Armenwelt gehört die Szene, wie Gohar in einem Bordell, in dem er die Buchführung übernommen hat, Goldreifen am Arm eines der Mädchen sieht, es von Haschischgier ergriffen packt und erwürgt, um sich die Reifen anzueignen, die dann doch nur aus Blech sind.

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