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Rezension: Belletristik : Ein Kratzer auf der Seele

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Im Damenprogramm: Fünfzig Erzählungen von Gabriele Wohmann

          Diderot verriet seinen Schriftstellerkollegen einen einfachen Kunstgriff, um dem in seinem Jahrhundert geforderten Realismus zu genügen: Man bringe an einer Stirn eine Narbe, an einer Schläfe eine Warze, an einer Lippe einen Schorf an, und schon ist aus dem idealen Bildnis ein lebensechtes Porträt geworden. Gilt diese Regel, so sind Frauen allemal die besseren Schriftsteller: Der Klatsch ist seit alters ihre Art von Poesie und nichts anderes als ein Rondo über die verzeihlichen Fehler und läßlichen Sünden des Nachbarn.

          Gabriele Wohmann übt sich in ihrem jüngst erschienen Erzählband in dieser Poesie der Medisance weidlich. Allerdings haben ihre Figuren gar keine Figur, kein Aussehen, sie haben nicht Nase, Ohr, Auge, Kleid oder Gang. Doch hat sie an ihren Seelen die Narben, Kratzer und Grinde, die Pickel und Pusteln angebracht, die das Leben jeder atmenden Brust als Wappen eingraviert hat.

          Es sind unsere guten Bekannten, die wir mit Vor- und Nachnamen kennen, Ria Büchner, Louis Knab, Hannegret Kittelmann, Friedel und Irm, die einzeln oder paarweise, als Single oder als Kleinfamilie das Leben meistern und dabei immer ein bißchen stolpern. Einmal plappert eine sich in ihrem Übereifer bei einem Damenprogramm des Auswärtigen Amtes um alle Reputation, einmal bleibt eine gerade noch die treue Ehefrau, die zu sein sie sich eigentlich vornimmt, weil der Mann ihres Herzens just in dem Moment, da sie sich mit ihm verabreden will, einen Termin auf dem Standesamt hat und eine andere heiratet, einmal bekommt eine Mutter einen roten Kopf, weil sich herausstellt, daß sie den beruflichen Rang ihres Sohnes übertrieb und damit renommierte. Ähnliches passiert wohl im Leben, und wer in den großen, der Geselligkeit so wenig günstigen Städten keine Freundin gefunden hat, mit der er sich sein tägliches Quantum Tratsch selbst erzeugt, der mag zu diesem Buch greifen, um sich an Gerücht und übler Nachrede zu sättigen.

          Die fünfzig Erzählungen der Gabriele Wohmann sind Skizzen aus dem Vorstadtleben für die grüne Witwe, die sich dort gut auskennt. Gelegentlich, und dann nur zuungunsten eines letzten Restes von poetischem Geschmack, überschreitet die Autorin die Grenze der Satire zur tieferen Bedeutung hin. Die Erzählungen werden zu Parabeln, wie jene, die "Glanz und Gloria" überschrieben ist, in der auf einer Bahnreise drei Frauen sich gleichzeitig als rechtmäßige Besitzerinnen eines Fundgegenstandes ausgeben. Diese gestellte Situation will diesmal offensichtlich die Todsünde der Habgier eher symbolisch vorführen. Solch mittelalterlicher Moralismus kommt der Süffisanz der modernen Schriftstellerin nicht selten in die Quere, doch ist er, da er bis heute den Humus jeglichen Gerüchtes bildet, dem Vergnügen nicht abträglich.

          Gabriele Wohmann vertritt ein Genre, das man "Freundinnenliteratur" nennen könnte. Es ist geschrieben von Frauen für Frauen über den kleinen Zirkel, den das Leben von Frauen abschreitet. Sein Habitus paßt sich der schüchternen Ironie an, die es auch in der Wirklichkeit gerade braucht, um ein bescheidenes Selbstbewußtsein aufzubauen. Der Terminus wäre vertretbar so gut wie der einer Heimatliteratur einer Indianer- oder Abenteuerliteratur, und nützlich noch dazu, wenn selbst so bedeutende Schriftstellerinnen wie Jane Austen und Katherine Mansfield mit ihm in die Geschichte der Weltliteratur eingehen konnten. HANNELORE SCHLAFFER

          Gabriele Wohmann: "Die Schönste im ganzen Land". Frauengeschichten. Piper Verlag, München und Zürich 1995. 348 S., geb., 38,- DM.

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